Der Menschensammler - Dicte Svendsen ermittelt Kriminalroman
dass du mich mit dem Höhlenmenschen Holger nach Horsens schickst, richtig?«, sagte er, ohne dass die anderen ihn hören konnten. »Aber wenn ich nun schon einmal da bin, gibst du mir eine kleine Zusatzaufgabe?«
»Mhm. Mhm.«
»Aber das kostet Küsse, das ist dir schon klar?«
»Wie viele?«
»Das hängt vom Resultat ab. Sprechen wir von derselben Sache?«
»Peter Boutrup«, sagte sie, obwohl es ihr schwerfiel, den Namen auszusprechen. »Ja, vielen Dank, du darfst sehr gerne ein bisschen rumhorchen, aber diskret bitte!«
Sie betonte das, weil sie wusste, dass Bo so diskret sein konnte wie eine phosphoreszierende Katze im Dunkeln.
Er machte einen Bückling.
»Werde die Behutsamkeit in Person sein.«
Auf dem Weg nach Ebeltoft, wo sie mit einem lokalen Fotografen verabredet war, dachte sie an die rätselhafte Replik von Peter Boutrup über die Gesetze, die verabschiedet wurden. Worauf bezog er sich bloß? Steckte da etwas dahinter, oder hatte er die Bemerkung nur aus dem Hut gezaubert, weil er sie loswerden wollte und bereits ihre Zusage zum Informationsgespräch erhalten hatte?
Den ganzen Abend hatte sie im Internet recherchiert, welche Gesetze im Laufe des Jahres verabschiedet worden waren. Und es waren nicht wenige und auch keine Bagatellen gewesen. Aber genau das war das Problem. Es gab zu den unterschiedlichsten Dingen Nachtragsgesetze, von der Umgestaltung des Versicherungsvertragsgesetzes über ein neues Gewebegesetz bis hin zu einer neuen Verordnung über Lenk- und Ruhezeiten bei LKW-Transporten sowie einem neuen Produkthaftungsgesetz. Das Meer an Informationen schien unendlich, kochend vor Wut hatte sie vor dem Rechner gesessen, bis Bo sie endlich weit nach Mitternacht vom Schreibtisch weggezerrt hatte.
|233| »So ein Mist!«
Sie schlug mit der Handfläche aufs Lenkrad. Peter Boutrup spielte mit ihr, indem er ihr kleine Rätsel gab im Austausch für Antworten auf seine aufdringlichen Fragen. Ein bösartiges Bohren in den Schwächen anderer Menschen. Sogar mit seiner eigenen Krankheit schien er Roulette zu spielen. Und was für eine Rolle hatten ihre Gefühle in dieser Angelegenheit?
Der Knoten im Magen hatte begonnen, sich aufzulösen, das konnte sie deutlich spüren. Allmählich war eine Mischung aus Wut und Irritation, Neugier und Entsetzen entstanden. Das alles vermengte sich zu einer explosiven Melange, die schwer unter Kontrolle zu halten war. An einer Stelle befand sich die Liebe für den verlorenen Sohn, aber bis zu dieser Schicht war sie zum Glück noch nicht vorgedrungen.
Sie überholte einen LKW und ermahnte sich, sich auf den Fall Mette Mortensen zu konzentrieren. An die Frage einer Nierenspende wollte sie momentan nicht denken. Diese Entscheidung musste sie vertagen und hoffen, dass sie nicht dazu verleitet werden würde, einen Teil ihres Körpers wegen eines toten Mädchens zu verkaufen. Denn sie würde es nicht nur ihm zuliebe machen, oder?
Sie rief sich ihr neues Credo in Erinnerung: dass sie nichts und niemandem etwas schuldig war. Sie hatte das bezahlt, was man bezahlen kann, es hatte Jahre gedauert, bis sie das eingesehen hatte. Die Freigabe zur Adoption ihres Kindes hatte sie all die Jahre bereut. Aber sie konnte unmöglich einen 29-jährigen wildfremden Mann und Strafgefangenen adoptieren und ihn über Nacht zu ihrem Kind erklären. Es war zu spät, das hatte auch er begriffen. Sie schuldete niemandem etwas. Auch ihm nicht.
Die ganze Fahrt über versuchte sie sich an diesem Gedanken festzuhalten. Als sie sich dem Glasmuseum näherte und an der Fregatte
Jylland
im Trockendock des Museumshafens vorbeifuhr, schoss ihr plötzlich durch den Kopf, dass er sterben könnte, während sie sich beim Schattenboxen gegen ihre eigene |234| Starrsinnigkeit austobte. Er war noch so jung, viel zu jung, um zu sterben. Und er war ihr Fleisch und Blut. Sie schuldete ihm nichts, aber auf der anderen Seite war es auch nicht verboten, ein Menschenleben zu retten. Blut ist dicker als Wasser, hatte sein Arzt gesagt. Würde sie ihrem Entschluss treu bleiben können?
Dicte bekam eine kleine Führung von der Museumsdirektorin, einer jungen Frau mit Pagenkopf und nervösen Bewegungen. Sie fühlte sich verantwortlich für den Vorfall, schließlich sei sie der Ausstellung und den Künstlern gegenüber verpflichtet, deren Werke zwar versichert, aber unersetzlich wären.
Sie zeigte ihr die Räume mit den geleerten Vitrinen. Sie hätten ein solides Alarmsystem, versicherte die Direktorin, aber den
Weitere Kostenlose Bücher