Der nasse Fisch
Champagnerkorkens holte ihn in die Gegenwart zurück, und er fuhr fort, die Tische systematisch nach bekannten
Gesichtern abzutasten. Er wusste nicht genau, wen oder was er hier eigentlich suchte, er wusste nur, dass die Muskelprotz-Russen
im Café Berlin verkehrten. Und dass sie Kardakow kannten. Insgeheim hoffte er, irgendeinen aus der Truppe wiederzusehen, dieihm im Kakadu aufgefallen war. Den blonden Jüngling zum Beispiel. Mit etwas Glück ohne die Begleitung der Muskelpakete. Dann würde er etwas
gesprächiger sein, trotz der Sprachbarriere, dafür würde Rath schon sorgen. Die Russen mussten sich ihre Aufenthaltserlaubnis
regelmäßig verlängern lassen, denen konnte man als Polizist gehörigen Ärger machen.
Als er den ganzen Saal mit Blicken abgetastet hatte, steuerte Rath die Cocktailbar an. Er fand einen freien Barhocker zwischen
einem mageren Jüngling und einer aufgetakelten Blondine und setzte sich. Nachdem er einen Americano bestellt hatte, zog er
ein Foto aus der Tasche und betrachtete es. Vielleicht sollte er es doch nochmal auf die direkte Tour versuchen, überlegte
er, während er den Barmann beobachtete, der Campari mit Martini mixte. Alexej Kardakow schaute ernst und verträumt an die
Decke, als Rath das Foto auf den Tresen legte. Noch während er auf seinen Drink wartete, registrierte er eine Bewegung im
Augenwinkel. Der dünne Mann neben ihm war ein wenig zu hektisch von seinem Hocker aufgestanden.
Rath drehte instinktiv den Kopf zur Seite. Und kaum hatte er seinen Nebenmann im Visier, rannte der auch schon los. Gehetzter
Blick, eingefallene Wangen. Der Mann rempelte eine elegante Dame an, schlug ihr das Champagnerglas aus der Hand und drängte
sie gegen ihren Begleiter. Beide stürzten zu Boden, die Frau schrie auf.
Rath steckte das Bild ein und lief ihm nach, Richtung Treppen, mit einem Satz über das gestürzte Paar springend. Der Barmann
schaute ihm verwundert hinterher, den bestellten Cocktail in der Hand.
Der Mann rannte zu den Toiletten! Rath kannte sich aus. Aus diesem Laden hatten sie vor zwei Wochen ein paar Zuhälter samt
Nutten vertrieben, die in dem gerade neu eröffneten Café Berlin die Geschäftsaussichten hatten sondieren wollen. Ob der Dünne einer von denen war und ihn jetzt wiedererkannte? Wer es auch
sein mochte, er saß in der Falle, aus den Toiletten konnte er nicht mehr entkommen. Dann hörte Rath ein paar Frauen kreischenund schimpfen, dazwischen einen anzüglichen Witz. Der Dünne kannte sich ebenfalls aus: Von der Damentoilette führte ein Fenster
auf den Hof. Rath nahm den Weg durchs Büro, von dort gelangte man noch schneller nach draußen – weil man sich nicht erst durch
ein enges Fenster zwängen musste. Durch einen kleinen Vorraum noch, dann hatte er den Hinterausgang erreicht. Vorsichtig öffnete
er die Tür. Nichts zu sehen. Er trat wieder in den Gang, ließ die Tür leicht angelehnt und wartete. Hier musste der Kerl vorbei,
wenn er auf die Straße wollte. Durch den Spalt sah Rath den Dünnen. Er stieß die schwere Eisentür auf, gerade als der Mann
vorbeilief.
Ein lauter Knall. Poltern. Er trat auf den Hof und zog den Kerl nach oben. Der Mann sah etwas benommen aus. Rotz und Blut
liefen aus seiner Nase. Langsam kam er wieder zu sich. Rath zeigte ihm die Marke. Erschreckter Blick. Wie ein Reh vor einem
Autoscheinwerfer. Große, hektisch flackernde Augen. Koks.
»Ich wusste doch gleich, du bist ein Bulle! Was willst du von mir?« Sein Zahnfleisch blutete auch. Bis auf das rollende R deutete nichts an seiner Aussprache darauf hin, dass er Russe war. Rath packte ihn am Kragen und schnauzte ihn an. Als Polizist
durfte man keine Schwäche zeigen, und in dieser Stadt wurde auch Freundlichkeit als Schwäche ausgelegt, so viel hatte er schon
gelernt.
»Von mir aus kannst du koksen, bis dir die Nase abfällt. Das interessiert mich einen Scheißdreck. Solange du mir sagst, was
ich wissen will, mach ich dir deswegen keinen Ärger.«
»Und was willst du wissen?«
Er hielt dem Russen das Foto von Kardakow unter die Nase. Die andere Hand blieb am Kragen. »Kennst du den?«
Der Russe zögerte. Rath wurde sauer.
»Hör mal, Brüderchen! Bislang habe ich es auf die freundliche Art mit dir versucht. Glaub mir, ich kann auch anders. Also,
mach mir nichts vor: Du kennst den Mann!«
»Na und? Nur weil ich jemanden kenne, der beim Zigarettenverkaufen lispelt, heißt das nicht, dass ich selbst auch ein Schneemann
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