Der Ring der Kraft - Covenant 06
zuzuschauen.
Im Laufe der Nacht hatte die Mannschaft das Vordeck aufgeräumt und die Trümmer sortiert. Nun bereitete man die Reparatur des gebrochenen Fockmasts vor. Pechnase stand über einen großen, steinernen Trog gebückt, der gefüllt war mit seinem speziellen Pech; seine Augen und seine Äußerungen jedoch galten ausschließlich den Seeleuten, die Leinen zwischen der noch vorhandenen Rah und dem zersplitterten Maststumpf spannten. Abgesehen von den erforderlichen Fragen und Weisungen, verhielten die Riesen sich ungewöhnlich ruhig und schwunglos. Sie waren nun schon seit längerem dem Klagewind ausgesetzt; und seit der Durchschiffung des Seelenbeißers hatten sie sich praktisch keine Erholung gönnen dürfen. Und jetzt war ihre Zukunft so zerbrechlich und unsicher wie Eis geworden. Nicht einmal Riesen konnten solche Belastungen auf Dauer aushalten.
Covenant hatte Pechnase nie bei seinem Handwerk gesehen. Froh um jede Ablenkung, beobachtete er den Gatten der Ersten voller Faszination, während Pechnase seine vorbereitenden Maßnahmen abschloß. Er übergab den Trog der Obhut eines anderen Riesen, warf sich in einer Schlinge eine Scheibe seines Härtesteins über die Schulter, trat dann zu den Leinen und kletterte langsam am Fockmast empor. Inzwischen hatten unter ihm Matrosen den Trog in ein Netz gestellt, dessen Zugseil verbunden war mit einer möglichst hoch am Mast befestigten Seilrolle. Als Pechnase dieselbe Höhe erklommen und sich mit einer unterhalb seiner Achseln um seinen Körper und um den Mast gewundenen Leine gesichert hatte, hievten zwei Riesen den Trog zu ihm hinauf. Sein Atem erzeugte in der kalten Luft lebhafte Dunstwölkchen. Sofort machte er sich ans Werk. Er schaufelte Händevoll Pech aus dem Trog und schmierte es auf die unregelmäßige Bruchstelle des Masts. Anscheinend war das Pech zähflüssig, aber er handhabte es ebenso flink wie geschickt, preßte es in die Risse und glättete es rundum, bis er dem Maststumpf eine gänzlich flache, glatte Beschaffenheit verliehen hatte. Anschließend griff er über die Schulter nach dem Härtestein, brach vom Rand ein Stück ab und schob es ins Pech. Nahezu ohne Übergang verwandelte sich das Pech in Stein, der sich vom Granit des Masts nicht unterscheiden ließ. Indem er zufrieden vor sich hin murmelte, folgte er seinem Trog, den man daraufhin wieder nach unten abseilte, hinab aufs Deck.
Derbhand schickte einige Riesen zu der noch am Mast befindlichen Rahe hinauf, um die zur Ermöglichung von Pechnases Tätigkeit gespannten Leinen entfernen zu lassen: gleichzeitig begannen andere Matrosen Stricke um die Spitzen der Rahe zu binden und bereiteten alles vor, um sie mit neuem Tauwerk zu versehen.
Pechnase kümmerte sich nicht darum, sondern schenkte seine Aufmerksamkeit dem abgebrochenen Teil des Fockmasts, der beim Aufprall in mehrere Stücke gegangen war; eines davon war so lang wie die restlichen Bruchstücke zusammen. Mit Pech und Härtestein formte Pechnase beide Enden dieses Stücks in flache Stümpfe um, so wie er es mit der Bruchstelle droben auf dem Fockmast bewerkstelligt hatte.
Covenant konnte nicht erkennen, wozu das alles gut sein sollte. Und das Gebot der Eile flößte ihm Ruhelosigkeit ein. Nach einem Weilchen fiel ihm auf, daß er Windsbraut, seit er an Deck getreten war, nicht mehr gesehen hatte. Nachdem die toten Riesen der See übergeben worden waren, hatte sie sich an irgendeine andere Aufgabe gemacht. Darauf bedacht, sich irgendwie zu beschäftigen – und um sich durch Bewegung ein wenig zu wärmen –, hüllte er sich enger in seinen Überwurf und hielt nach der Lagerverwalterin Umschau.
Er traf sie in ihrem eigentlichen Tätigkeitsbereich mittschiffs unter Deck an, einem wahren Labyrinth der Frachträume, Wasserfässer und Vorratsschränke. Die Dromond führte eine beachtliche Menge an Holz mit, sowohl als Brennmaterial für die Herde der Kombüse wie auch zum Zwecke provisorischer Reparaturen oder Ersatzteilfertigung für Fälle, in denen auf hoher See kein geeigneter Stein zur Verfügung stand. Windsbraut und drei weitere Riesen befanden sich in einem viereckigen Verschlag, der als Tischlerei des Schiffs diente, bei der Arbeit. Sie bauten zwei große Schlitten.
Es handelte sich um ziemlich grobe Konstruktionen mit hohen Geländern; die Bretter waren nur roh zurechtgezimmert. Aber sie sahen robust aus. Jeder war groß genug für einen Riesen. Zwei Matrosen leimten und nagelten die Gestelle zusammen, während Windsbraut und
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