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Der Ruf Der Trommel

Titel: Der Ruf Der Trommel Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Diana Gabaldon
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sich an mir vorbei. Seine Augen waren zu Schlitzen verengt, seine Lippen fest zusammengepreßt und seine Nase stark so zusammengekniffen, daß sie weiß war.
    Das kleine Schlafzimmer war kaum größer als ein Sarg, zu dem es geworden war. Es gab keine Fenster, nur Spalten zwischen den Brettern, die gedämpftes Licht hereinließen. Es war heiß und feucht wie in einem Tropenhaus, und die Luft war vom süßen Verwesungsgeruch des Todes erfüllt. Ich spürte, wie der Schweiß mir an den Seiten herunterkroch und mich kitzelte wie Fliegenfüße, und ich versuchte, nur durch den Mund zu atmen.
    Sie war nicht kräftig gewesen; ihr Körper war nur eine leichte Ausbuchtung unter der Decke, die wir letzte Nacht anstandshalber über sie gelegt hatten. Ihr Kopf kam mir im Verhältnis zu dem ausgemergelten Körper groß vor, wie bei einem Strichmännchen, dessen runder Kopf auf streichholzdünnen Gliedern ruht.
    Jamie wischte ein paar Fliegen zur Seite, die zu vollgefressen waren, um sich zu bewegen, und zog die Decke zurück. Wie alles andere war auch die Decke blutbefleckt und verkrustet, und ihr Fußende war feucht. Der menschliche Körper enthält im Durchschnitt fünf Liter Blut, doch es sieht nach sehr viel mehr aus, wenn man es in der Gegend verteilt.
    Ich hatte in der Nacht zuvor kurz ihr Gesicht gesehen, und im Licht des Kiefernspans, den Jamie über sie gehalten hatte, hatten ihre toten Züge künstlich geleuchtet. Jetzt war sie bleich und kalt wie ein Pilz, und ihre stumpfen Gesichtszüge ragten aus einem Gewirr feiner, brauner Haare hervor. Es war unmöglich, etwas über ihr Alter zu sagen, außer, daß sie nicht alt gewesen war. Ich konnte auch nicht
sagen, ob sie attraktiv gewesen war; sie hatte keinen eleganten Knochenbau, doch vielleicht hatte das Leben ihren runden Wangen und ihren tiefliegenden Augen einen Glanz verliehen, den die Männer hübsch fanden. Zumindest für einen Mann war sie hübsch genug gewesen, dachte ich.
    Die Männer waren über den reglosen Körper gebeugt und unterhielten sich flüsternd. Jetzt wandte sich Mr. Campbell an mich und runzelte dabei die Stirn unter seiner förmlichen Perücke.
    »Ihr seid Euch über die Todesursache einigermaßen sicher, Mrs. Fraser?«
    »Ja.« Ich hob den Rand der Decke hoch und schlug sie zurück, wobei ich versuchte, die übelriechende Luft nicht einzuatmen. Ich entblößte die Beine der Leiche. Ihre Füße waren bläulich angelaufen und begannen anzuschwellen.
    »Ich habe ihr den Rock heruntergezogen, sonst aber alles so gelassen, wie es war«, erklärte ich und schob ihn wieder hoch.
    Mein Magen verkrampfte sich unwillkürlich, als ich sie berührte. Es war nicht das erste Mal, daß ich eine Leiche sah, und diese war bei weitem nicht die schauderhafteste, doch wegen des heißen Klimas und der drückenden Atmosphäre hatte sich ihr Körper kaum abgekühlt - ihr Oberschenkel war so warm wie mein eigener, aber unangenehm schwammig.
    Ich hatte ihn dort liegenlassen, wo wir ihn gefunden hatten, im Bett zwischen ihren Beinen: ein Grillspieß, über dreißig Zentimeter lang. Er war ebenfalls voll getrocknetem Blut, aber klar erkennbar.
    »Ich… äh… habe keine äußere Verletzung gefunden«, sagte ich, indem ich mich so vorsichtig wie möglich ausdrückte.
    »Aye, ich verstehe.« Mr. Campbells Stirnrunzeln schien etwas nachzulassen. »Ah, gut, dann handelt es sich wohl zumindest nicht um einen Fall von vorsätzlichem Mord.«
    Ich öffnete den Mund, um zu antworten, doch ich fing einen warnenden Blick von Jamie auf. Mr. Campbell bemerkte nichts davon und fuhr fort:
    »Bleibt die Frage, ob die arme Frau es wohl selbst getan hat oder durch die Hilfe eines Dritten zu Tode gekommen ist. Was meint Ihr, Mistress Fraser?«
    Jamie blickte mich mit zusammengekniffenen Augen über Campbells Schulter hinweg an, doch die Warnung war unnötig. Wir hatten letzte Nacht über die Angelegenheit gesprochen und waren zu unseren eigenen Schlüssen gekommen - und zu dem Schluß, daß wir unsere Ansichten den Vertretern von Recht und Ordnung in Cross
Creek besser nicht mitteilten - jetzt noch nicht. Ich rümpfte die Nase, vorgeblich des Geruches wegen, in Wirklichkeit aber, um jede verräterische Veränderung meines Gesichtsausdruckes zu verbergen. Ich war eine sehr schlechte Lügnerin.
    »Ich bin sicher, daß sie es selbst getan hat«, sagte ich bestimmt. »Es dauert nicht lange, auf diese Weise zu verbluten, und wie Jamie Euch gesagt hat, hat sie noch gelebt, als wir sie gefunden

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