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Der Schacht

Der Schacht

Titel: Der Schacht Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: David J. Schow
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So wie ein Anker war sie ein Gegengewicht der Beständigkeit gegen die Fluktuation neuer Mieter. Die Welt brauchte Elvie Rojas und Leute wie sie, auch wenn die nie individuell wahrgenommen wurden. So wie man die Schwerkraft brauchte, wie man die Luft brauchte, ohne die man nicht atmen kann. Und soweit es sie betraf, so wurde sie ihrer Rolle auch gerecht.
    Die Sache mit dem lauten Halbstarken hatte sich erledigt. Nun nahm die Sache mit dem Fensterbrett Elvie den Genuss am Fernsehen. In den Werbepausen zog ihr Frust sie magnetisch zum Fenster zurück. Beide Fenster, ihre Augen auf die Außenwelt, hatten sich gleichzeitig und ohne einen Anhaltspunkt oder ein verräterisches Geräusch verwandelt. Sie benutzte eine Leselupe, um sich den glatten Übergang zwischen Fensterbrett, Fensterrahmen und Fenster genauer anzusehen. Es war alles aus einem Stück, so nahtlos wie ihr geordnetes Leben.
    Vielleicht war dies eine Strafe.
    Die einzigen Unterbrechungen auf dem festen Kitt waren Elvies vorsichtig suchende, tastende Finger. Sie hatte ihr Leben damit verbracht, sich anzupassen, so wie ein Tischler, der schmirgelt und drechselt und lackiert, und jetzt war dieses Leben fertig, und es gab nichts mehr zu tun. Es war eine Existenz aus einem Guss.
    Das Leben war daraus evakuiert worden, und übrig blieb der Stolz. Das Vergnügen an der Feinarbeit. Eine große Leinwand, die sorgfältig mit einem feinen Pinsel bemalt worden war, in eine düstere Ecke eines scheußlichen Gebäudes verbannt, in dem es keine Zaungäste gab und ganz bestimmt auch keine Würdigung zu erwarten war. Drei Ehemänner, dachte sie. Fünf Kinder, die sie in Schweiß und Schmerzen geboren hatte und die die unteren Regionen ihrer Weiblichkeit beanspruchten, bis diese auseinandergingen und neues Leben hervorbrachten. Sie fühlte Phantomstiche der Erinnerung in ihrem verlassenen Schoß. Die Schmerzen der Geburt waren immer umgekehrt proportional zu dem Vergnügen ihrer Zeugung. Ihre Ausbeute an Nachkommen hatte sie dem Tod nur näher gebracht. Für James und Robbie hatte die Uhr mit dem ersten Atemzug zu ticken begonnen. Elvie konnte nicht einmal sagen, wo ihre anderen Kinder heute waren. Sie hatte drei Ehemänner überlebt, aber sie hatte es nicht darauf angelegt gehabt. Sie hatte nicht geplant, sie zu überdauern, es war einfach so gekommen. Wenn man davon absah, dass sie jeden Winkel und jede Ecke ihres Lebens zu etwas Wichtigem gemacht hatte, dann hatte sie nichts im Leben hinterlassen. Vielleicht war deshalb die Anonymität ihr Schicksal. Alte Frauen mit geringem Einkommen hatten nie viele Möglichkeiten.
    Aber sie neigen trotzdem dazu, sich über alles mögliche zu beschweren, rief sie sich selbst zur Ordnung. Wie alte Leute eben. Sie konnte beiläufig über das Verschwinden ihres lästigen Nachbars von oben hinwegsehen, warum sich dann über das Rätsel der Fensterbank Gedanken machen? Ignoriere es, und wahrscheinlich hat es sich bis zum Morgen erledigt.
    Der Punk hatte sich wahrscheinlich bei einem Flittchen einquartiert, wo die Wände weniger hellhörig waren. Wer wollte schon auf drei Seiten Nachbarn haben, die jedes Grunzen und Kichern guter Tiefenarbeit mithören mussten? Sie hatte die Abwesenheit des Jungen bemerkt, so wie man eine Uhr bemerkt, die zu ticken aufhört. Eine Freundin, das wars. Ein anderes Schlafzimmer, bei dem nicht so viele Ohren mithörten. Ausgiebiger Sex, kraftvoll und feucht und erschöpfend. Schweißtreibende Befriedigung, der Lohn von Hitze und Bewegung und Berührung …
    Schluss damit! Ein Lächeln zog über ihr Gesicht und hellte ihre verwitterten Züge auf. Sie war zu alt, um wie ein Schulmädchen zu kichern.
    Na, gut jetzt. Zum Fenster!
    Sie hatte es gerade letzte Woche noch zur Hälfte aufgesperrt. Es war also nicht immer zugekleistert gewesen. Aber jetzt gab es keine Spalten mehr, keine Ritzen, nichts, was darauf hinwies, dass das Fenster oder sein Gegenstück jemals auch nur einen Millimeter weit geöffnet worden waren.
    Wenn in diesem Gebäude etwas schiefging, dann passierte das immer mitten in der Nacht.
    Vielleicht hatte sich etwas in ihrem Verstand verändert, nicht das Fenster. Das war so, wie es immer schon gewesen war, aber sie konnte das auf einmal nicht mehr so sehen. Der Gedanke bewirkte einen ängstlichen Schmerz in ihrem vor kurzem gefüllten Magen. Dieses Wort: senil …
    Zum Teufel damit. Und zum Teufel mit diesem Gebäude, das sie so grausam quälen wollte, und zum Teufel mit jedem Gott, der einer alten Dame

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