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Der Streik

Der Streik

Titel: Der Streik Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ayn Rand
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zurückgelehnt in seinem Sessel; Brustkorb und Bauch unter seinem fleckigen Hemd bildeten die Form einer Birne. Eine Mischung aus Sonne und Staub lag in der Luft, die schwer auf die Veranda seines Hauses drückte. Er machte mit der Hand eine abwinkende Geste, wobei an seinem Finger ein Ring mit einem großen Topas von schlechter Qualität aufblitzte.
    „Es hat keinen Sinn, Lady, absolut keinen Sinn“, sagte er. „Es wäre reine Zeitverschwendung, die Leute hier in der Gegend zu befragen. Es sind keine Leute aus der Fabrik mehr übrig und niemand, der sich an viel erinnern könnte. Es sind so viele Familien weggezogen, dass nur die Taugenichtse übrig sind, Taugenichtse, das sage sogar ich, der Bürgermeister von einem Haufen Gesindel.“
    Er hatte seinen beiden Besuchern Stühle angeboten, aber es störte ihn nicht, dass die Dame es vorzog, am Geländer der Veranda zu stehen. Er lehnte sich zurück und musterte ihre lang gestreckte Gestalt. Erstklassige Ware, dachte er. Allerdings war der Mann bei ihr offensichtlich reich.
    Dagny blickte auf die Straßen von Rome. Es gab Häuser, Bürgersteige, Straßenlaternen und sogar eine Reklametafel, die Erfrischungsgetränke bewarb; doch alles wirkte, als wäre die Stadt nur noch wenige Meter und Stunden davon entfernt, den Zustand von Starnesville zu erreichen.
    „Nein, Unterlagen aus der Fabrik gibt es keine mehr“, sagte Bürgermeister Bascom. „Wenn es das ist, wonach Sie suchen, Lady, dann geben Sie besser auf. Das ist, als wollten Sie Blättern im Sturm nachjagen. Wer interessiert sich noch für Papier? In Zeiten wie diesen bewahren die Leute gute, solide materielle Gegenstände auf. Man muss praktisch denken.“
    Durch die staubigen Scheiben konnten sie in das Wohnzimmer seines Hauses sehen: Auf einem unebenen Holzboden lagen Perserteppiche, ein mit Chromleisten versehener Barwagen stand an einer Wand, die vom eingesickerten Regenwasser der letzten Jahre fleckig war, und auf einem teuren Radiogerät befand sich eine alte Petroleumlampe.
    „Klar, ich war es, der die Fabrik an Mark Yonts verkauft hat. Mark war ein netter Kerl, ein netter, lebhafter, energiegeladener Kerl. Klar, er hat ein paar Abkürzungen genommen, aber wer tut das nicht? Natürlich ist er etwas zu weit gegangen. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich dachte, er sei schlau genug, im Rahmen des Gesetzes zu bleiben – oder dessen, was heute noch davon übrig ist.“
    Bürgermeister Bascom lächelte und sah sie gelassen und offen an. Seine Augen waren schlau, aber ohne jede Intelligenz, sein Lächeln freundlich, aber ohne jede Güte.
    „Ich nehme nicht an, dass Sie von der Polizei sind“, sagte er, „und selbst wenn Sie es wären, wäre es mir egal. Ich habe von Marks Schwindel nicht profitiert, er hat mich in keines seiner Geschäfte eingeweiht. Ich habe keine Ahnung, wo er jetzt ist.“ Er seufzte. „Ich mochte den Kerl. Ich wünschte, er wäre geblieben. Pfeif auf die Sonntagspredigten. Auch er musste leben, oder? Er war nicht schlechter als jeder andere, nur cleverer. Manche werden dabei erwischt und andere nicht – das ist der einzige Unterschied … Nein, ich weiß nicht, was er damit vorhatte, als er die Fabrik kaufte. Klar hat er mir ein gutes Stück mehr gezahlt, als die alte Bude wert war. Klar hat er mir einen Gefallen getan, als er sie gekauft hat. Nein, ich habe ihn nicht unter Druck gesetzt, damit er sie kauft. War nicht notwendig. Ich hatte ihm vorher einige Gefälligkeiten erwiesen. Es gibt jede Menge Gesetze, die ein bisschen wie Gummi sind, und ein Bürgermeister ist in der Position, sie für einen Freund ein wenig zu dehnen. Sei’s drum! Das ist der einzige Weg, wie man in dieser Welt reich werden kann“ – er schielte auf den luxuriösen schwarzen Wagen –, „wie Sie sicher wissen.“
    „Sie erzählten uns gerade von der Fabrik“, sagte Rearden, der versuchte, sich zu beherrschen.
    „Was ich nicht leiden kann“, sagte Bascom, „sind Leute, die über Prinzipien schwafeln. Prinzipien haben noch nie eine Speisekammer gefüllt. Alles, was im Leben zählt, sind solide materielle Werte. Dies ist keine Zeit für Theorien, wo alles um uns herum auseinanderfällt. Aber ich, ich habe nicht vor, unterzugehen. Sollen die anderen doch ihre Ideen behalten, und ich nehme die Fabrik. Ich will keine Ideen, ich will nur meine drei anständigen Mahlzeiten am Tag.“
    „Warum haben Sie diese Fabrik gekauft?“
    „Aus welchem Grund kauft man Firmen? Um alles, was möglich ist,

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