Der stumme Tod
auf die Nase gebunden, aber irgendwie musste die Bulldogge es herausbekommen haben.
»Den Bericht vom Ablauf der Wessel-Beisetzung verfertigt Kriminalsekretär Gräf. Ich habe ihn mit dieser Aufgabe betraut und ... « »Sie missachten also meine Befehle.«
»Nichts liegt mir ferner! Ich habe Ihren Befehl keineswegs missachtet, Herr Oberkommissar, allerdings Kriminalsekretär Gräf mit seiner Durchführung betraut.«
»Herr Rath, wenn Sie jemals zu einem vollwertigen Mitglied dieser Abteilung werden wollen, dann sollten Sie sich nicht vor der Arbeit drücken«, sagte Böhm. Rath hatte einen Protest auf den Lippen, sein Gefühl sagte ihm jedoch, dass es besser wäre zu schweigen. »Dann sollten Sie«, fuhr Böhm fort, »die Befehle, die man Ihnen erteilt, auch ausführen. Persönlich ausführen. Und Sie sollten dafür Sorge tragen, dass Ihre Mitarbeiter und Ihre Vorgesetzten stets auf dem gleichen Wissensstand sind wie Sie selbst. Und wie die Presse.«
Rath schluckte seine Wut hinunter. Die Bulldogge machte überhaupt keine Anstalten, mit ihm Frieden zu schließen. Böhm nutzte die Gelegenheit nur, um Rath ein wenig zu demütigen, die zum Friedensschluss ausgestreckte Hand übersah er geflissentlich.
»Haben Sie mich verstanden?«
»Jawohl, Herr Oberkommissar! Allein ... der Fall Winter ... « »Kümmern Sie sich um den Fall WesseI. Dass Sie die Beisetzung
nicht erlebt haben, ist nicht mein Fehler. Kriminalsekretär Gräf wird vorerst jedenfalls keinen Bericht schreiben können, da müssen Sie wohl noch etwas warten.«
Rath überlegte fieberhaft, ob er noch etwas zum Fall Winter sagen sollte. Die Bulldogge konnte ihn doch nicht einfach so abservieren! Kriminalkommissar Gereon Rath hielt alle Fäden zu diesem Fall in der Hand! Da konnte man ihn doch nicht einfach kaltstellen!
»Was stehen Sie da noch rum«, raunzte Böhm ihn an. »Ich dachte, Sie hätten mich verstanden?«
»Jawohl, Herr Oberkommissar.«
»Dann stehen Sie da nicht wie angewachsen. Gehen Sie und stören hier nicht länger den Betrieb.«
Das war's. Böhm kümmerte sich wieder um seine Akte und ließ Rath stehen wie einen Schuljungen. Gräf und Lange schauten auf ihre Grunewaldkarte. Rath hätte vor Wut die Tür knallen können, aber er beherrschte sich. Einer solchen Demütigung konnte man noch am besten begegnen, indem man sie einfach ignorierte.
»Ich nehme an, das ist ebenfalls ein Befehl, Herr Oberkommissar«, sagte er und verließ das Büro.
Kapitel 24
Sie ist eingeschlafen.
Wie friedlich sie daliegt und wie schön, denkt er, als er die Gläser abräumt, ihr halb leeres und sein fast volles. Er ist sich nicht zu schade für solche Dinge, wenn Albert seinen freien Abend hat. Er kippt den Inhalt beider Gläser in den Ausguss, spült mit Wasser nach und wischt sie mit einem trockenen Küchenhandtuch ab. Erst dann stellt er sie zu den übrigen schmutzigen Gläsern.
Als er zurückkehrt, liegt sie genauso da wie zuvor. Er fühlt ihren Puls und zählt. Sie hat zu wenig getrunken, wenn er nichts unternimmt, wird sie in wenigen Minuten wieder wach. Aber damit hat er gerechnet, er hat die Spritze schon vorbereitet, um in Ruhe arbeiten zu können. Sie reagiert nicht, als die Nadel in ihre Haut sticht, das ist ein gutes Zeichen.
Er trägt sie nach nebenan, sie ist schwerer als sie aussieht, dieser zerbrechliche blonde Engel. Als er sie auf den Tisch legt, glaubt er für einen Moment, dass sie gezwinkert hat, aber das kann auch eine Nebenwirkung der Spritze sein.
Bevor er beginnt, wäscht er sich gründlich die Hände. Behutsam biegt er ihren Hals, überstreckt ihn, bis ihr Kopf über die Tischkante hängt, und schiebt das Rohr vorsichtig durch Mund und Rachen, bis zur Stimmritze, beobachtet, wie das Metall ihren Hals nach außen wölbt. Dann richtet er die Lampe ein, öffnet den kleinen schwarzen Koffer und legt die Instrumente bereit. Bevor er beginnt, wäscht er sich noch einmal gründlich die Hände. Greift zu der langen Schere, die er vor Jahren eigens hat anfertigen lassen, um sie endlich wegzuschneiden...
Er muss sie endlich wegschneiden, die Schreie seiner Mutter. Er kann sie nicht mehr hören, diese hohen, langgezogenen Laute, die einmal ein Lachen gewesen sein mochten, ein Lachen, das zu tief in einen dunklen Wald geraten ist und sich in ein wildes Gluckern und Kreischen verwandelt hat, dieses Kreischen, das nun ununterbrochen durch das ganze Haus hallt und die Luft zersägt und in der Ferne heult wie ein verirrtes Gespenst.
Sie ist
Weitere Kostenlose Bücher