Der Verehrer
geleert worden zu sein. Sie kriegt ja kaum Post, sie hat ja niemanden auf der Welt, deshalb könnte das gut ein halbes Jahr dauern,
bis er wirklich überquillt, aber allmählich scheinen mir eine ganze Menge Reklamezettel darinzustecken.«
»Das ist befremdlich«, gab Früngli zu.
Die Putzfrau, die er unten getroffen hatte, kam lustlos die Treppe heraufgeschlichen und drückte sich, ohne ein Wort zu sagen, an Früngli und ihrer Arbeitgeberin vorbei in die Wohnung.
Der Frau mit dem geblümten Kopftuch schien noch etwas anderes einzufallen.
»Ihr Balkon, also Millies Balkon, liegt genau unter meinem. Bei dem schönen Wetter hätte ich sie dort einmal sitzen sehen müssen. Wir haben uns oft von unten nach oben unterhalten. Ihre Balkonblumen sehen ziemlich verdörrt aus. Es hat ein paar Mal geregnet, das hat sie gerettet, aber bald sind sie trotzdem hinüber. Und Millie würde nie ihre Blumen im Stich lassen.«
»Zeigen Sie mir doch mal die Wohnungstür«, bat Früngli.
Bereitwillig trottete sie vor ihm her den Gang entlang, die nächste Treppe hinunter, wiederum einen Gang entlang. Dann blieb sie vor einer Tür stehen, deren Klingelschild mit dem Namen Faber versehen war.
»Hier«, sagte sie, »hier wohnt Millie.«
Sie verströmte einen penetranten Schweißgestank, der Früngli erst richtig aufgefallen war, seit sie sich in Bewegung gesetzt hatte. Nun hing der schwere Dunst wie eine große Glocke zwischen ihnen. Früngli konnte sich vorstellen, wie vehement und aggressiv diese Frau ihre Fußböden bearbeitete, und die Heftigkeit ihrer Bewegungen hatte wohl ihre Schweißproduktion angeregt. Und trotzdem begann er dazwischen etwas anderes wahrzunehmen, andeutungsweise nur, so sacht, daß er das Vorhandensein eines zweiten Geruchs zunächst anzweifelte, sich zu irren glaubte.
Aber dann hatte er sich an die Schweißwolke genug gewöhnt, um andere Gerüche herauskristallisieren zu können, und er merkte, wie ihm kalt wurde am ganzen Körper und sich ein eigentümliches Kribbeln auf seiner Kopfhaut ausbreitete. Ihm fiel der Ausdruck ein: »Ihm standen die Haare zu Berge.« So mußte sich das anfühlen. Genau so.
Er roch Blut.
Nicht penetrant, bei weitem nicht so massiv wie der Schweiß des Putzteufels. Aber unverkennbar schwang etwas von süßlicher Verwesung zwischen den engen Wänden des Ganges, und Frünglis bemächtigte sich der dunkle Verdacht, daß es durch den hauchfeinen Spalt unter der Tür der vermißten Millie Faber hervorkroch.
»Die Nachbarn«, setzte er an, aber die Frau winkte ab.
»Hier unten ist Millie allein. Die Wohnungen werden nur als Ferienappartements genutzt, und zur Zeit ist niemand da.«
»Aha. Ich läute mal.«
Er klingelte bei Millie, obwohl er fast einen Eid darauf geleistet hätte, daß sie gar nicht mehr in der Lage war, ihm zu öffnen. Er nahm den eigentümlichen Geruch jetzt stärker wahr und merkte, wie ihm an beiden Handflächen der Schweiß ausbrach.
Ganz ruhig, mahnte er sich, du darfst jetzt nicht die Nerven verlieren. Du bist Polizeibeamter im Dienst. Du behältst einen kühlen Kopf!
»Wer hat einen Schlüssel zu der Wohnung?« erkundigte er sich.
»Soviel ich weiß, nur der Hausmeister«, sagte die Frau.
»Und wo finde ich den?«
»Der wohnt zwei Häuser weiter, auch ein Wohnblock, für den er zuständig ist. Er heißt Guiseppe Malini.« Sie hatte große, erregte Augen bekommen.
»Möchten Sie eindringen in die Wohnung?«
Die Bezeichnung »eindringen« hätte Früngli nicht gerade gewählt.
»Ich denke, wir sollten der Sache nachgehen und den Hausmeister bitten, uns die Wohnung aufzuschließen«, sagte er. »Ich werde hinübergehen und sehen, daß ich ihn finde. Sie warten bitte hier, Frau … wie war Ihr Name?«
»Ich habe ihn Ihnen noch nicht genannt. Ich heiße Zellmeyer. Sigrid Zellmeyer.«
Er versuchte sich ein wenig von der Nervosität abzulenken, die sich in ihm ausbreitete wie ein eiligst wucherndes Geschwür. Scheiße, dachte er, während er durch die spätvormittägliche Hitze zum übernächsten Wohnblock trottete, da geht man hin, um irgend jemandes Personalien zu überprüfen, und dann hat man eine solche Geschichte am Hals. Und man ist ganz allein damit.
Am liebsten hätte er über Funk einen Kollegen angefordert, aber er wußte, er hätte sich damit lächerlich gemacht. Er hatte einen Verdacht und mußte nun sehen, ob sich etwas davon bewahrheitete. Und das mußte er, verdammt noch mal, allein schaffen.
Guiseppe Malini, ein kleiner,
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