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Der Wachsmann

Der Wachsmann

Titel: Der Wachsmann Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Richard Rötzer
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zu ewiger Wiederkehr. Er erhebt sich von Zeit zu Zeit aus seinem Grab und trachtet nach dem Blut eines Lebenden, wobei er zuerst Rache nimmt und später wahllos mordet.«
    »Wenn nun der Wiedergänger sich auf seine grausige Jagd begibt«, forschte Peter weiter, »welche Gestalt trägt er dann?«
    »Seine eigene natürlich.« Mathes hielt die Frage ganz offensichtlich für reichlich dümmlich. »Selbst wenn du nach ewigen Zeiten das Grab öffnest, wirst du den Leib des Untoten unversehrt finden, wie am ersten Tag.«
    »Der Jakob hat aber schon ziemlich gestunken, als er in Wolfratshausen ankam. Und sein Leib ist an einigen Stellen schon aufgebrochen, was deutlich für die Verwesung spricht.« Peter blickte triumphierend in die Runde. Seine Worte hatten den erhofften Eindruck hinterlassen, sei es wegen des Grausens oder ihrer Beweiskraft. Doch nicht bei allen.
    »Pah!« versuchte Alois erneut die Position seines einstigen Widersachers zu stärken. »Das beweist doch erst recht, daß der Verfluchte sich aufgehängt hat. Denn sagt nicht die Apostelgeschichte von Judas: ›Er stürzte kopfüber, barst mitten entzwei, und alle seine Eingeweide traten heraus!‹ Da seht ihr’s doch.«
    »Wir sehen nur, daß du ein Esel bist«, warf Paul gereizt ein. »Denn Judas zerplatzte schon beim Erhängen. Hast du, oder hat etwa ein anderer die Gedärme des Jakob gesehen?«
    Ein Teil der Flößer lachte hämisch, und Hiltpurger legte mäßigend seine Hand auf Pauls Arm.
    »Das beweist noch gar nichts«, beharrte Mathes trotzig. »Selbst wenn er sich nicht erhängt hat, dann mag er immerhin den Diebstahl begangen haben. Und wenn er darauf einen Meineid geschworen hat, dann ist er allemal zum Nachzehrer verdammt.«
    »Genau!« stand ihm Alois unverbrüchlich zur Seite. »Und als ersten hat er den Peitinger geholt, weil er dem sein Unglück zu verdanken hat. Und der nächste wird einer von uns sein, weil ihm keiner von uns bei seinem Bubenstück geholfen hat. Ich sag’ euch, der wird ein Jahr lang jeden Monat einen von uns aussaugen und dann jedes Jahr in den Zwölfnächten wiederkehren und eines unserer Kinder fressen!«
    »Und ich sage dir«, platzte Paul derb heraus, »daß dir und dem Mathes irgendwelche Geister ins Hirn geschissen haben! War der Peitinger vielleicht blutleer oder angefressen? Sein Gesicht hat die Hacke zerfetzt, nicht der Jakob.«
    Die übrigen Flößer johlten, während der Zunftmeister nun Paul ermahnte, daß auch er als Gast sich an die Regeln zu halten habe.
    »Immerhin war’s die Hacke vom Jakob«, wandte Michl mißtrauisch ein. »Wie wollt ihr das denn erklären?«
    »Dafür könnten eine Menge Leute in Frage kommen«, antwortete Peter. »Letztlich ein jeder, der mit dem Jakob zu tun hatte und noch eine ganze Reihe anderer. Doch laßt mich erst mit meinen Beobachtungen fortfahren, bevor wir uns hier noch selbst zerfleischen.«
    Peter erzählte nun von seiner Untersuchung der wahrscheinlichen Unglücksstelle an der Isar und schloß mit der Vermutung, daß es sich um einen gut geplanten Überfall handelte und daß möglicherweise auch das Verschwinden der anderen Flöße in diesem Jahr auf ähnliche Weise erklärt werden könne.
    Durch die Reihen der Flößer ging ein Raunen und Tuscheln. Die Vorstellung war ungeheuerlich. Wenn das stimmte, was Peter sagte, dann trieb hier seit längerem eine Bande ihr Unwesen. Dann waren sie alle früher oder später in Lebensgefahr, ungeachtet des täglichen Risikos, das ihr Beruf ohnehin mit sich brachte. Und vor allem: Dann hatte doch der Pütrich dem Jakob schrecklich unrecht getan, wie sie zu Anfang ja auch geglaubt hatten.
    »Was nun den Mord am Peitinger betrifft«, ergriff Peter nach einer Weile wieder das Wort, »so ist doch leicht zu durchschauen, daß der Mörder Jakobs Floßhack in der schlauen Absicht benützte, die Tat entweder dessen angeblich ruhelosen Leichnam oder einem von euch Flößern anzulasten, was ihm offenbar auch gelungen ist.«
    »Wozu?«
    »Wenn ich den Kerl in die Finger kriege…«
    »Wer könnte ein Interesse daran haben, uns zu schaden? Die anderen brauchen doch uns. «
    Fragen und Verwünschungen gingen rege durcheinander, bis Peter wieder anhob: »Es bleiben im Grunde nur drei Möglichkeiten: Erstens, der Leonhart hat es tatsächlich getan, was wir wohl alle nicht recht glauben. Zweitens, es war jemand, der außerhalb der Mauern wohnt und mit dem Peitinger verfeindet war, wofür am ehesten einer von euch Flößern angeschuldigt werden wird.

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