Der Wachsmann
er so dastand und das Haus betrachtete, wurde ihm bewußt, daß er seither diese Gasse, ja den ganzen Stadtteil mehr oder weniger gemieden hatte. Sein Leben war bislang überwiegend zur Isar hin orientiert gewesen, und es erschien ihm fast so, als betrete er jetzt Neuland. Hier hatte sein Vater gelebt, gewirkt und zuletzt auch gelitten. Wäre seine Mutter nicht die einfache Magd gewesen, er wäre vermutlich hier geboren worden. Hätte, wäre! Was nützte es, sich schmerzlichen Überlegungen hinzugeben. Er lebte jetzt sein Leben und mußte nach vorne schauen. Und es ärgerte ihn, daß er noch immer darunter litt, daß er sich noch immer nicht ganz davon freimachen konnte. Er hatte hier noch etwas zu bereinigen, aber nicht jetzt, nicht heute. Peter kickte wütend einen Stein aus dem Weg und ging weiter.
Aus den Weinschenken drangen laute und fröhliche Stimmen, die guten Besuch anzeigten. Auf der Gasse, die wochentags von Fuhrwerken, Reitern und Lasttieren belebt war, stolzierten jetzt jugendliche Gecken, die den von Müttern oder greisen Ammen abgeschirmten Bürgerstöchtern Kußhände und anzügliche Blicke zuwarfen. Freche Handwerksburschen und geile Gesellen stellten den Mägden nach, die vom Kirchgang kamen. Rechts ging das Gäßchen ab, das zur Marienkirche führte. Dort waren noch Baumeister und Maurer, Steinmetzen und Zimmerleute damit beschäftigt, die Schwere und Düsternis der alten Kirche im neuen Baustil umzugestalten. Peter durchschritt das Kaufingertor und staunte nicht schlecht, als er sah, was seit der Stadterweiterung hier schon alles entstanden war. Zwar gab es noch reichlich freie Flächen und Grünland, doch die wichtigen Gassen waren schon eng von Häusern gesäumt und überall herrschte rege Bautätigkeit. Zur Rechten, auf dem ehemaligen Haberfeld, hatten sich die Augustinereremiten niedergelassen. Die Gebäude des Klosters waren längst fertiggestellt, und ihre Bewohner widmeten sich eifrig der Lehre und Seelsorge. Von der Kirche war geraume Zeit nur das Langhaus vollendet gewesen, aber inzwischen war auch der Chor fast fertig gemauert.
Gleich anschließend an die Augustiner und nur durch eine schmale Gasse getrennt, erhob sich seit der Jahrhundertwende der städtische Klosterhof der Abtei von Schäftlarn. Peter klopfte und fand freundlichen Einlaß, als er sich als ehemaliger Zögling der Abtei zu erkennen gab.
Wenig später stand er Bruder Lukas gegenüber, dem Herrscher über das Reich der Bücher und das Skriptorium in diesem Haus. Das bestand freilich nur aus einem schmalen Raum mit einer kleinen Zahl erlesener Handschriften und einem einzelnen Schreibpult, an dem Bruder Lukas seine Arbeit verrichtete. Er selbst war von bescheidener Art und bot Peter jegliche Hilfe an. Das fragliche, bei Konrad Peitinger gefundene Psalmfragment war bald als der siebenundfünfzigste Gesang Davids ermittelt, und der Chorherr versprach, bis zur Vesper davon und von dem verlorenen Psalm eine Übersetzung anzufertigen.
Am Abend endlich hielt Peter die Abschriften in Händen, zog sich sogleich mit Agnes und Paul in einen stillen Winkel zurück und las vor:
Gott wird ihre Zähne in ihrem Mund zerschmettern;das Gebiß der Löwen wird der Herr zerbrechen.Sie werden zu Nichts vergehen wie Wasser, das verrinnt;er spannt seinen Bogen, bis sie kraftlos hinsinken.Wie Wachs, das zerfließt, werden sie vergehen;Feuer fällt auf sie hernieder, und sie sehen die Sonne nicht mehr.Bevor eure Dornen zum Strauche heranwachsen, rafft er sie,noch in der Fülle des Lebens, im Zorne hinweg.Der Gerechte wird sich freuen, wenn er die Rache sieht;er wird seine Hände waschen im Blute des Sünders. »Puh!« ließ sich als erste Agnes vernehmen. »Ich hätte nie gedacht, daß Psalmen so gruslig sind. Da ist es ja geradewegs eine Gnad’, wenn man sie nur auf Lateinisch hört, was unsereins nicht versteht. Dieser David muß ein finsteres Gemüt gehabt haben.«
»Aber er war auch Prophet«, merkte Paul an.
»David war König, kein Prophet«, verbesserte Peter.
»Aah, der neunmalkluge Herr Barth hat in seinem Leben noch keinen König gesehen und weiß schon wieder alles besser«, lästerte Paul.
»Schmoll nicht!« lachte Peter, der in der Tat seit seiner Ankunft in München auch nicht ein Zipfelchen vom Mantel des Königs erhascht, geschweige denn ihn selbst einmal zu Gesicht bekommen hatte. Aber Ludwig war ja auch ständig unterwegs.
»Schau dir doch bloß die ersten Zeilen an!« beharrte Paul. »Da steht genau das, was dem
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