Der Wolf aus den Highlands
Angriff in ihr steckte. Die beiden hatten kein Recht zu planen, wen sie heiratete oder wer sie bekommen sollte – als was auch immer. Sie war zwar mit Donnell verwandt, aber nicht sehr nah, und mit vierundzwanzig war sie über das Alter hinaus, in dem sie sich von einem Mann die Zukunft bestimmen lassen wollte.
Eine neue Entschlossenheit erfasste sie. Sie musste herausfinden, welche Pläne es gab. Das bedeutete, dass sie weiter herumschleichen und belauschen musste, was nicht für ihre Ohren bestimmt war. Aber das konnte sie allmählich recht gut, dachte sie, während sie in ein frisches Gewand schlüpfte. Je eher sie wusste, was Donnell und Egan planten, desto eher konnte sie handeln, um sich zu schützen. Sie würde allerdings rasch handeln müssen, denn ihr blieb nicht viel Zeit, um ihnen einen Strich durch die Rechnung zu machen. Wenn Donnell vorhatte, sie Egan zu geben, musste sie sich nur eine Frage beantworten: In Egans Besitz überzugehen – war dieser Preis zu hoch, um bei Meggie zu bleiben?
7
Annora überließ es Annie, Meggie zu baden, und eilte in ihre Kemenate, um sich für das Abendessen in der Großen Halle fertig zu machen. Aus Gründen, die sie nie verstanden hatte, hatte Donnell ihr untersagt, bei Meggie im Kinderzimmer oder auch nur in ihrer Nähe zu schlafen. Doch vielleicht wollte Donnell einfach nur verhindern, dass Meggie und sie sich zu vertraut wurden. Falls er das im Sinn gehabt hatte, dann hatte er es nicht geschafft. Meggie und sie verbrachten jeden Tag zusammen und waren so vertraut wie Mutter und Tochter. Annora konnte nur hoffen, dass Donnell das nicht merkte.
Sie dachte nicht weiter über dieses Rätsel nach und begann, schneller zu laufen, weil sie nicht zu spät zum Essen kommen wollte. Am Abend zuvor war es ihr nicht gelungen herauszufinden, was Donnell mit ihr im Sinn hatte, aber so schnell wollte sie nicht aufgeben. Egans übel zugerichtetes Gesicht war allerdings eine kleine Entschädigung für ihr Nichtweiterkommen gewesen. Der Mann hatte sie den ganzen Abend über zornig angestarrt. Einerseits konnte ihr das nur recht sein, denn das war weitaus besser als seine Versuche, um sie zu werben oder sie zu verführen. Aber die Drohung in seinem Blick hatte ihr den Appetit verdorben. Sie nahm sich fest vor, sich am heutigen Abend nicht mehr von ihm einschüchtern zu lassen.
Auf dem Weg durch den langen, spärlich beleuchteten Gang zu ihrem Zimmer begegnete Annora Mab, einer großbusigen Magd. Sie lächelte die Frau freundlich an, von der es hieß, sie teile häufig Donnells und auch Egans Lager. Wenn die geflüsterten Gerüchte zutrafen, dann trieb das Weib es gelegentlich sogar mit beiden gleichzeitig. Das wollte sich Annora jedoch lieber nicht weiter ausmalen.
Aus der Richtung zu schließen, aus der die Frau kam, hatte Mab diesmal wohl keinen der beiden besucht. Plötzlich fiel Annora ein, dass man zu dem kleinen Raum des Holzschnitzers gelangte, wenn man den Korridor ganz entlangging und dann links abbog. Der bloße Gedanke, dass Mab es womöglich mit Master Lavengeance getrieben hatte, verletzte Annora, und zugleich machte er sie zornig. Zwar ging es sie im Grunde nichts an, wen der Mann beschlief, aber es war ihr nicht gleichgültig, nein, wahrhaftig nicht.
»Ah, das kleine Kindermädchen«, schnaubte Mab.
Annora erschrak ein wenig über die Feindseligkeit dieser Frau, die ihre Stimme hart klingen ließ. »Kann ich dir bei etwas helfen?«, fragte sie. Sie war froh, dass sie so ruhig und höflich klang, denn sie wollte nichts zu der unerklärlichen Abneigung der Frau beitragen.
»Bei Gott, Ihr könnt mir bei nichts helfen, es sei denn, Ihr wollt mir sagen, wie gut dieser Franzose zwischen den Laken ist.«
»Weißt du das denn nicht?« Annora beschloss, dass Höflichkeit bei dieser Frau die reine Verschwendung war.
»Das habe ich nicht gesagt. Ich habe mir nur überlegt, ob Ihr vielleicht ein kleines Gespräch von Frau zu Frau führen wollt darüber, wie gut der Mann ist. Mir ist zu Ohren gekommen, dass Ihr versteht, was er sagt, wenn er zu leidenschaftlich wird, um unsere Sprache zu sprechen.«
Annora fragte sich, woher eine Frau wie Mab ein Wort wie leidenschaftlich kannte, doch gleich darauf bereute sie diesen unfreundlichen Gedanken. »Ich fürchte, diese Frage kann ich nicht beantworten.«
»Ach nein? Ihr wollt mich glauben machen, dass Ihr nicht um diesen feinen Mann herumstreicht? Dass Ihr nicht versucht herauszufinden, ob er im Bett besser ist als
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