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Die Akte Vaterland: Gereon Raths vierter Fall (German Edition)

Die Akte Vaterland: Gereon Raths vierter Fall (German Edition)

Titel: Die Akte Vaterland: Gereon Raths vierter Fall (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Volker Kutscher
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behaglich, aber wenigstens hatte sich die Lage entspannt.
    Er drehte sich zu seinem Retter um. Sie waren als Einzige stehen geblieben, alle anderen saßen wieder.
    »Was haben Sie denen gesagt?«
    Der Brillenmann fasste ihn am Arm. »Kommen Sie«, sagte er, »legen Sie Pritzkus ein paar Mark hin, für Ihre Biere und für Adameks Korn, und dann holen Sie Hut und Mantel. Wir gehen besser woandershin. Wer weiß, wie lange die lustige Stimmung anhält?«
    Rath tat wie geheißen, nahm noch seine Zigaretten vom Tisch, dann verließen sie das Lokal.
    »Danke nochmals«, sagte er, als sie draußen auf dem Marktplatz waren, wo ein frischer Wind wehte. »Danke, dass Sie mich aus dieser ungemütlichen Situation gerettet haben.«
    Er klappte sein Etui auf, spendierte auch seinem Retter eine Overstolz und zündete sie an.
    »Keine Ursache«, sagte der Mann und rauchte die Zigarette an. »Fremde verirren sich eher selten zu Pritzkus in die Kneipe. Da muss man helfen, Missverständnissen vorzubeugen.«
    »Da sagen Sie was. Ich verstehe nun mal kein Polnisch.«
    »Das war auch kein Polnisch, was Adamek gesprochen hat.«
    »Ich hab trotzdem kein Wort verstanden.«
    »Das war Masurisch«, fuhr der Mann fort, »das ist zwar eine Spielart des Polnischen, aber die Leute hier sind stolz darauf, Preußen zu sein, die fühlen sich nicht als Polen.«
    »Preuße bin ich auch«, sagte Rath. »Rheinpreuße.«
    »Ihr Rheinpreußen seid nur Beutepreußen«, sagte sein Retter mit einem Lächeln, »die Urpreußen leben hier. Und waren immer schon große Patrioten, auch zu Zeiten, als außer dem Pastor und dem Gutsherrn niemand Deutsch sprach.«
    Rath zuckte die Achseln. »Einige scheinen bis heute kein Deutsch gelernt zu haben.«
    »Der alte Adamek versteht jedes Wort, glauben Sie mir. Nur beim Sprechen fühlt er sich in seiner Muttersprache wohler, vor allem nach ein paar Kornchen, wie heute Abend. Aber ein preußischer Patriot ist er durch und durch.«
    »Das habe ich gemerkt.«
    »Na, nun sind die Wogen ja wieder geglättet. Mit dem Wort Polnisch sollten Sie demnächst allerdings etwas vorsichtiger sein, gerade hier in Treuburg, wo man so stolz darauf ist, dass im ganzen Kreis nur zwei Bürger für Polen votiert haben.«
    »Sie scheinen sich gut auszukennen mit Land und Leuten.«
    »Berufsbedingt.« Der Mann streckte seine Hand aus. »Rammoser«, sagte er, »Karl Rammoser. Ich bin der Dorflehrer drüben in Wielitzken. Da macht man sich schon mal ein paar Gedanken über den Sinn und Unsinn der Zeitläufte.«
    »Rath, Kriminalpolizei Berlin.«
    »Sehr erfreut, aber Sie müssen sich nicht vorstellen. Der Kleinstadttratsch hier ist schneller als jede Zeitung, sogar schneller als das Radio.«
    Rath staunte. »Na, wenn Sie mich eh schon kennen, kann ich Sie auch zu einem Bier einladen.«
    »Gern.«
    »Und dann müssen Sie mir erzählen, was für eine Art von Preuße Sie denn sind. Dem Namen nach zu urteilen würde ich sagen: Alpenpreuße. Aber meines Wissens hat der Alte Fritz den Österreichern nur Schlesien abgenommen und nicht auch noch Tirol.«
    Rammoser nickte. »Alpenpreuße«, wiederholte er. »Das hab ich zwar noch nie gehört, aber es trifft die Sache ganz gut. Kommt ihr jedenfalls sehr nahe.«
    Kurz darauf saßen sie in einem anderen Lokal, das einen freundlicheren Eindruck machte als Pritzkus’ Spelunke. Rammoser hatte den Laden vorgeschlagen, »hier fallen Sie nicht so auf, Sie Rheinpreuße. Im Kronprinzen übernachten sogar Sommerfrischler.«
    Ein paar von denen saßen wohl am Nebentisch, eine Familie beim Abendbrot, die aus Berlin zu kommen schien, der großen Klappe nach zu urteilen, die jedes einzelne Familienmitglied, vom Vater bis zur jüngsten Tochter, unter Beweis stellte. Aber alles besser als der Salzburger Hof , dachte Rath, wo das Personal umgehend Polizeimeister Grigat über jeden Schritt des Berliner Kommissars unterrichten würde.
    »Hier ist es doch nett«, sagte er, »warum gehen Sie dann zu Pritzkus?«
    »Weil man«, sagte Rammoser und hob sein Glas, »da billig und gut essen kann. Was meinen Sie, wie hoch ein Dorflehrergehalt in Preußen ist?«
    »Sie reden mit einem Leidensgenossen.« Rath hob ebenfalls sein Glas. »Auf Preußen und seine armen Beamten!«
    Die Männer stießen an.
    »Rammoser«, sagte Rath, »hört sich in meinen Ohren wenig preußisch an. Kommen Sie aus Bayern oder so?«
    Der Dorflehrer lachte. »Das hätten Sie mal meinem Vater sagen sollen, dass er kein Preuße ist. Der hätte Sie zum Duell

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