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Die Ausgelieferten

Die Ausgelieferten

Titel: Die Ausgelieferten Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Per Olov Enquist
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Spitze des Streikkomitees, zwei Männer, die in der schwedischen Öffentlichkeit kaum kompromittiert werden konnten (dieser Gesichtspunkt hatte den Ausschlag gegeben und Gailitis, Kessels und Ziemelis zu Fall gebracht). Von Deutschenfreunden, von Stutthof, sollte keine Rede sein können. Zwei Ärzte und eine baltische Gruppe.
    Zu Vertretern der Soldaten wurden Cikste, Kaneps und Radzevics gewählt; Cikste war ein Schwager von Kessels, die anderen waren Unteroffiziere. Sie brauchte man in Zukunft nicht um Rat zu fragen, sie waren aus dem Spiel. Der litauische Arzt Zenkevicius erkrankte nach einem Tag und musste ins Krankenhaus gebracht werden.
    Nun blieb der ständig in Frage gestellte, angefeindete und merkwürdige lettische Arzt Ellnars Eichfuss-Atvars übrig, allein und im Besitz der gesamten Macht. Am Abend des 21. setzte er sich hin und formulierte einen eigenhändigen Brief an den schwedischen Lagerchef von Ränneslätt. Er war auf Deutsch geschrieben; im Briefkopf war sogar die Uhrzeit angegeben (23.45 Uhr).
    Die Einleitung: »Wie wir aus schwedischer Quelle erfahren haben, hat die schwedische Regierung beschlossen, politische Flüchtlinge, zu denen auch wir internierten Balten gehören sollen, an die Sowjetunion auszuliefern. Die Auslieferung wäre für uns gleichbedeutend mit einem qualvollen Tod. Bevor wir uns zu anderen Schritten entschließen, wollen wir aus den genannten Gründen vom 22. November 7 Uhr an einen freiwilligen Hungerstreik beginnen, der in dem Augenblick enden wird, in dem eine Lösung erreicht wird, die unseren berechtigten Forderungen und schwedischer Humanität entspricht.«
    Das Schreiben wurde mit detaillierten Anweisungen für die Gestaltung des Verhältnisses zwischen Lagerinsassen und schwedischem Wachpersonal fortgesetzt, es war in ruhigen und gemäßigten Wendungen abgefasst und ist, als Ganzes betrachtet, ohne Zweifel ein bemerkenswert intelligentes Dokument.
    Das Schreiben schließt: »Das Streikkomitee hat nichts dagegen einzuwenden, dass der lettische Arzt Dr. E. Eichfuss-Atvars, der bis zur Ankunft des deutschen Lagerarztes im deutschen Internierungslager Ränneslätt stellvertretender Lagerarzt ist, diese Tätigkeit bis auf weiteres ausübt. In seiner Eigenschaft als Vertreter des Lagerkomitees wird er ohne das internationale Rotkreuz-Emblem auftreten und den übrigen Soldaten bzw. Offizieren gleichgestellt sein. In seiner Eigenschaft als Lagerarzt ist er befugt, eine Rotkreuz-Armbinde zu tragen.«
    Eichfuss’ Dienst als stellvertretender Lagerarzt war eine reine Fiktion: die deutschen Internierten weigerten sich beharrlich, sich von ihm behandeln zu lassen, und die Balten hielten sich an Slaidins. Eines aber war nun offenkundig: Eichfuss hatte volle Bewegungsfreiheit, er konnte gehen, wohin er wollte, mit jedermann sprechen, und er war der einzige Lagerinsasse, der diese Freiheiten genoss.
    In jener Nacht gingen sie spät ins Bett.
    Am folgenden Morgen, am Donnerstag, dem 22. November, sahen die schwedischen Wachposten, wie die baltischen Soldaten ihre Baracken verließen, einer nach dem anderen. Sie trugen Kisten, kleine Kartons, Tüten, stellten alles vor den Baracken auf die Erde und gingen dann wieder hinein, um mehr zu holen. Sie kamen aus dem Speisesaal, aus der Küche, aus ihren Baracken, sie trugen Brot, Zucker, belegte Brote, Konservendosen, und häuften die Lebensmittel vor einer Baracke an, mitten auf dem Hof. Alle trugen schwedische Uniformen, da die deutschen, die sie einmal getragen hatten und über die in der schwedischen Öffentlichkeit so heftig diskutiert worden war, nach und nach zu unansehnlich geworden waren und durch schwedische Uniformen hatten ersetzt werden müssen. (Ein breites schwarzes Band an den Uniformmützen deutete darauf hin, dass diese Männer der SS angehörten, obwohl man die eigentlichen SS-Embleme entfernt hatte.) Diese waren zwar weniger schön, dafür aber wärmer. Jetzt kamen sie in ihren schwedischen Uniformen an, trugen Lebensmittel aus den Baracken, stellten alles auf die Erde und gingen wieder hinein. Die Schweden standen außerhalb des Stacheldrahtzauns, starrten sie an und begriffen nichts. Schließlich waren die Balten fertig, der Haufen auf dem Hof war ziemlich groß, alle Balten waren wieder hineingegangen, draußen war alles wieder ruhig. Die Soldaten stellten sich an die Fenster und warteten ab, wie die Schweden sich verhalten würden.
    Die Schweden drängten sich außerhalb des Stacheldrahts zusammen; offenbar

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