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Die Autobiographie: Die Ursache / Der Keller / Der Atem / Die Kälte / Ein Kind (German Edition)

Die Autobiographie: Die Ursache / Der Keller / Der Atem / Die Kälte / Ein Kind (German Edition)

Titel: Die Autobiographie: Die Ursache / Der Keller / Der Atem / Die Kälte / Ein Kind (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Thomas Bernhard
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keine. Die Ärzte ließen sich nicht in die Karten schauen. Es war absolut ein Glücksspiel, es gab keine Möglichkeit zu schwindeln. Ich werde singen, sagte ich, eine Stunde später, ich werde nicht singen. Ich werde bald entlassen, gesund entlassen, eine Stunde später, ich werde nicht entlassen. Fortwährend war ich von diesen entsetzlichen Spekulationen hin und her gerissen. So ist es allen ergangen, jedem auf seine Weise. Wir steckten alle in einer tödlichen Haut und theoretisierten und phantasierten uns heraus, aber waren überzeugt, daß wir zusammen und ohne Ausnahme scheitern müssen. Ich saß auf der Bank am Hang über der Frauenliegehalle und fragte mich: war ich vielleicht für meine Kühnheit bestraft worden? Weil ich von einem Augenblick auf den andern in die entgegengesetzte Richtung gegangen war, anstatt ins Gymnasium eines Morgens in die Kaufmannslehre? Dort, beim Abladen der Erdäpfelfuhre hatte ich mir die Krankheit geholt, eingewirtschaftet, wie mein Großvater gesagt hatte. Ich war nicht mutig, ich war
übermütig
gewesen. Aber was nützten diese Gedanken jetzt? Ich habe das Krankenhaus, ich habe Großgmain, ich habe schließlich die Letzte Ölung hinter mich gebracht, so werde ich auch Grafenhof hinter mich bringen. Wenn meine Mutter stirbt, denn daß sie sterben wird, darüber gab es nicht den geringsten Zweifel, bin ich tatsächlich gänzlich allein, habe ich gedacht, ich habe keinen wichtigen verwandten Menschen mehr außer meiner Großmutter. Ich wartete auf diesen Zeitpunkt, ich fragte jeden Tag in der Frühe an der Portierloge um Post, aber ich bekam keine, mich erreichte kein Lebenszeichen aus Salzburg, meine Leute waren immer schreibfaul gewesen, es herrschte Totenstille zwischen mir und also hier und Salzburg mit den Meinigen. Wenn sie mir nur einmal in der Woche geschrieben hätten! Das taten sie nicht, sie schrieben mir nicht, nicht ein einziges Mal habe ich, solange ich in Grafenhof gewesen bin, Post von ihnen bekommen. Schreibfaulheit? Ich haßte dieses Wort, wenn es mir einfiel. Die Zeit zwischen Großgmain, dem sogenannten Sanatorium, dem Todeshotel, von dessen Balkonen man gerade auf die Aufhäufelungen auf dem Friedhof schauen konnte, und Grafenhof war ja auch deprimierend gewesen, heute muß ich das Wort
Abschied
darüber schreiben, denn ich hatte in dieser Zeitspanne von allem Abschied genommen, Abschied nehmen müssen, ich könnte jetzt aufzählen was immer, ich habe davon Abschied genommen. Ich bin durch die Salzburger Straßen geirrt und auf die Salzburger Hausberge gestiegen und immer wieder zu dem frischen Grab des Großvaters, überallhin nur zu dem Zweck, Abschied zu nehmen. Kam ich wieder nachhause, ausgehungert, ermüdet, im eigentlichen Sinne lebensüberdrüssig, hieß es wieder, von meiner Mutter Abschied zu nehmen. Die ganze Wohnung war angefüllt von ihrem Fäulnisgeruch, überallhin und überallhinein hatte sich dieser Fäulnisgeruch ausgebreitet. Sie wußte, daß sie sterben würde und woran, niemand hatte es ihr gesagt, aber sie war zu klug, zu hellhörig, es entging ihr nichts. Sie ertrug ihre Krankheit ohne Vorwürfe gegen ihre Umgebung, ohne Vorwürfe gegen die Welt und gegen Gott. Sie starrte auf die Wände und haßte nichts, außer das Mitleid mit ihr. Damals hatte sie schon ein halbes Jahr diese
unvorstellbaren
Schmerzen, die durch kein Medikament mehr abzuschaffen, kaum mehr einzudämmen gewesen waren. Heptadon, Morphium in immer stärkeren Dosen, Tag- und Nachtdienst ihres Mannes, meiner Großmutter bis zur totalen Erschöpfung. Die Kinder, ich und meine Geschwister, waren die ahnungsvollen, aber unwissenden, naturgemäß die meiste Zeit lästigen Behinderer und Beobachter. Wir sahen alles, aber verstanden nichts, wir konnten es nicht verstehen. Auch die Krankheit meiner Mutter ging auf das Konto eines
nachlässigen
Arztes, ihn trifft die Schuld an ihrem Tod, wie auch die Schuld am Tod meines Großvaters einen
nachlässigen
Arzt trifft, er hatte zu spät gehandelt, fahrlässig, wie gesagt wird, es hatte ihn nicht betroffen gemacht, daß mein Vormund, ihr Mann, ihm diese letztenendes tödliche Nachlässigkeit vorgehalten, ihn zur Rede gestellt hatte, die Ärzte tun diese Vorwürfe mit Achselzucken ab und gehen zur Tagesordnung über. Der Chirurg ist der Mörder meines Großvaters, der Gynäkologe hat meine Mutter umgebracht, sagte ich mir, aber es war lächerlich, es war dumm und weltfremd zugleich und dazu auch noch größenwahnsinnig. Ich saß auf dem

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