Die Blendende Klinge
brüllt der dritte Mann.
Ich pikse ihm mit einem knochigen Finger kräftig auf die Stirn, statt ihn zu erdolchen. Er versucht, das Gleichgewicht zu wahren, aber ich schiebe weiter. Er fällt ins Wasser.
»Käpt’n, wir haben nicht viel Zeit«, sagt einer meiner Männer zu mir.
Ich fasse ihn ins Auge. »Siehst du denn nicht, dass ich mich beeile?«, erwidere ich. Er schluckt und hält den Mund.
»Nenn mir eine Zahl, Kapitän«, sage ich. Ich ziele mit der Pistole zuerst auf ihn. Bei ungeraden Zahlen ist er dran, bei geraden sein Bruder. Leicht auszurechnen, wenn man klar denken kann.
»Dieser Mann hatte eine Familie! Er hat es überlebt, dass er …«
Ich fange von neuem an: »Eene meene minke … Ach, scheiß drauf.« Ich schieße seinem Bruder ins Knie.
Eine Bleikugel von der Größe eines Daumens, die die Kniescheibe trifft und sie zu Brei schlägt, reißt einem mehr oder weniger das Bein ab. Ich muss den Bruder packen, damit er nicht von der Bordwand kippt.
Ich sage: »Mir macht dieses Spiel keinen Spaß mehr. Letzte Chance, oder ich werde euch beide töten und mir ein Kämpfchen liefern. Ich kämpfe gern. Sag es mir, und du bleibst am Leben.«
»In meiner Kajüte, über dem Türrahmen«, sagt der Kapitän.
Das schlechteste Versteck aller Zeiten. Wenn ich mehr Männer hätte, würde ich einen von ihnen dafür erschießen, dass sie es übersehen haben.
Mein Bootsmann ist bereits losgerannt.
Er kommt einen Augenblick später zurück und verschwindet mit ein paar anderen unter Deck. Sie folgen dem Plan. Sollten eine gute Schiffsbesatzung abgeben. Es wird vielleicht eine halbe Minute dauern. Das schaffen wir.
»Ihr werdet uns jetzt töten, nicht wahr?«, fragt der Kapitän voller Bitterkeit. Sein Bruder ist kaum mehr bei Bewusstsein. Ich habe sie beide wieder zurück aufs Deck gehievt.
»Hab gesagt, dass ich das nicht tun werde«, entgegne ich. »Und ich bin der Sohn einer Hure und eines abtrünnigen Luxiaten. Mein Wort gilt.« Ich grinse ihn verrückt an.
Er wird ganz weiß.
Ich binde ein dünnes Seil fest um das Bein seines Bruders, um die Blutung zu stoppen. »Willst du, dass dein Bruder als Krüppel überlebt oder dass er stirbt?«, frage ich.
Er schluckt. »Dass er lebt.«
Ich nehme das Schwert des Kapitäns – ein seltsames Angari-Gerät, unten an der Spitze ganz dick, breit ausladend, unmöglich, es in eine Scheide zu stecken. Aber ich habe schon sperrigere Dinge verwendet, um einen Menschen zu töten.
Ich schlage die Klinge in das Bein des Bruders, direkt oberhalb des Knies und unterhalb des verknoteten Seils. Ich bin schlank, aber auch stark, und ich weiß, wie man eine Klinge mit großer Geschwindigkeit arbeiten lässt. Dann hackt sie das Glied sauber ab.
Nicht so sauber, dass es keine Sauerei gibt. Es blutet natürlich trotzdem. Die Abbinderei hat letztlich nur einen begrenzten Nutzen.
Der Mann schreit und schlägt um sich. Der Kapitän schaut drein, als wollte er sich gleich übergeben. Ich werfe das Schwert beiseite und sehe nach, wie weit die Ruderboote inzwischen vorwärtsgekommen sind. Die Männer in den Booten begreifen allmählich, dass da etwas nicht stimmt; sie haben meinen Pistolenschuss gehört, und jetzt rudern sie mit Nachdruck. Es dürfte eine knappe Sache werden.
Ich rolle Meister Einbein herum und kippe Schwarzpulver auf seinen blutenden Stumpf. Er wimmert und schlägt schwach um sich. Ich brauche drei Versuche, bevor es Funken fängt. Dann flammt das Pulver auf, erfüllt die Luft mit Rauch und dem Duft von bratendem Schweinefleisch und brennt den Stumpf aus. Seltsam, wie appetitlich gegrillter Mensch riecht.
Einbein wird ohnmächtig. Der Kapitän starrt mich an, als wisse er nicht, was zum Teufel ich für ein Kerl bin.
»Bindet sie an Fässer«, befehle ich jenen meiner Männer, die einfach nur herumstehen und Maulaffen feilhalten. »An leere Fässer, ihr Idioten!«
Sie tun es, in ebendem Moment, als auf jeder Seite des Schiffes fünfzig Ruder herausgeklappert kommen. Drei Ruderreihen. Dadurch hat man mehr Ruder im Wasser, und man bekommt mehr Geschwindigkeit. Ich springe an die Ruderpinne – leider gibt es auf diesem Schiff kein Steuerrad, nur eine gerade Ruderpinne. Ich schätze mal, Schiffsräuber können eben nicht wählerisch sein.
Kapitän Burschwart starrt mich immer noch zitternd und bebend an, aber jetzt zittert er vor Zorn. »Die alten Götter werden wiedergeboren«, sagt er. »Alles hier stirbt bereits, Pirat. Die Ewigdunklen Pforten werden sich
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