Die Chroniken der Schattenwelt: Angelos (German Edition)
und als sie schwankte und instinktiv nach Avartos’ Arm griff, zog sie die Hand deutlich verspätet zurück. Für einen Moment sah sie ihn an, als würde sie die Kälte, die sie bislang an ihm verabscheut hatte, nicht mehr fühlen – oder als hätte sie soeben einen Frost kennengelernt, der alles Bisherige übertraf. Dann fiel ihr Blick auf Nando. Nie zuvor hatte er dieses kalte Engelsglimmen in Noemis Augen gesehen, und nie zuvor so starken Schmerz darüber, dieser Kälte folgen zu müssen.
»Teufelssohn.« Hadros’ Stimme rief ihn, aber im Spalt der Tür sah er nichts als Finsternis. »Du magst länger leben als ein gewöhnlicher Mensch, aber auch du bist sterblich. Du solltest deine kostbare Zeit nicht damit verschwenden, unnützen Gedanken nachzuhängen, zumal dann nicht, wenn wichtigere Aufgaben bevorstehen. Tritt ein.«
Jeder Schritt auf die Tür zu fiel Nando schwer, und er fühlte Noemis Blick auf seiner Haut wie eine Warnung. Avartos hingegen neigte kaum merklich den Kopf, und diese Geste ließ Nando aufatmen. Der Engel war sein Lehrer und sein Freund. Er würde ihn nicht in eine Prüfung schicken, die er nicht bestehen konnte.
Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, entfachten sich Fackeln an den Wänden und erhellten einen großen, von Säulen durchzogenen Raum. In seiner Mitte stand Hadros, die Arme auf dem Rücken verschränkt, und schaute Nando entgegen. Auch er war in eine Rüstung der Garde gekleidet, und vor ihm schwebte ein winziger Funken in der Luft. Erst als Nando näher trat, erkannte er, dass es ein Sandkorn war, das silbern schimmerte.
»Sieh an«, sagte Hadros. »Ein Prinz der Engel tritt mir gegenüber.« Ein Lächeln flog über seine Züge, doch es verschwand so schnell, dass sein Gesicht danach noch kälter wirkte als zuvor. »Du siehst aus wie ein Krieger, aber du bist keiner. Um der Reise, auf die du dich begibst, gewachsen zu sein, musst du noch viel lernen. Die Wüste des Lichts wird dich auf die Probe stellen, und du kannst ihrer Kälte nicht mit Hitze begegnen. Ich sagte es bereits der halben Dämonin: Ihr müsst zu ihrem Spiegel werden, nur dann wird sie euch durchfließen. Doch dafür müsst ihr das Licht in euch stärken.«
Kaum hatte er geendet, glomm das Sandkorn vor ihnen hell auf. Nando kniff die Augen zusammen, aber das Licht durchdrang seine Lider, als würde er noch immer direkt hineinsehen. Schützend hob er die Hand und spürte gleich darauf den Wind, der von Hitze getragen seine Finger streifte. Er fühlte eine tiefe, durchdringende Stille, und noch bevor er etwas erkennen konnte, wusste er, wo er sich befand: Ein unendlicher Nachthimmel lag über ihm, der Schein des Mondes ließ den silbernen Sand zu seinen Füßen glitzern, und die Dünen erstreckten sich bis zum Horizont.
»Die Wüste des Lichts«, sagte Hadros, der neben ihn getreten war. Er ließ seinen Blick über die Ebene schweifen, als würden sie wirklich auf diesen Dünen stehen, und für einen Moment zweifelte Nando nicht daran, dass es tatsächlich so war. Der Krieger hatte sie in diese Wüste gebracht, und wieder überkam ihn die tiefe Faszination, als er in ihre Weite schaute.
»Sieh dich um«, raunte Hadros, während seine Konturen verblassten, als wäre er nicht mehr als eine Halluzination. »Du sollst erfahren, an welchen Ort wir reisen, nur dann wirst du seinen Zauber zu schätzen wissen. Du wirst dich auf die Suche nach der Pforte des Frosts begeben, und wenn du dein Ziel gefunden hast, darfst du es nicht aus den Augen verlieren, ganz gleich, was geschehen wird. Hast du verstanden?«
Nando konnte gerade noch nicken, ehe ein Windstoß Hadros’ Umrisse wegwischte und ihn allein zurückließ. Unschlüssig tat er einige Schritte vorwärts. Der Jäger hatte ihm keine Richtung vorgegeben, und so ging er einfach drauflos. Auf dem weichen Grund sank er ein, und ihm kam der Gedanke, dass jedes Sandkorn einst eine Welt gewesen sein konnte, in der geliebt, gemordet, gehasst worden war, ehe es in diesem gewaltigen Kosmos der Wüste eine neue Heimat gefunden hatte. Und in ihrem Kern, schlafend auf dem Grund ihres glühenden Meeres, ruhten die Cor Wanoy. Kaum hatte er das gedacht, glomm ein Licht in einiger Entfernung auf. Nandos Herzschlag beschleunigte sich. Er erkannte dieses Glimmen. Es zog ihn unwiderstehlich an und ängstigte ihn im selben Moment, und doch lief er instinktiv schneller, um noch einmal in die Augen der Sphinx zu blicken – jene Augen, die dort ruhten im Portal des Frosts.
Mit
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