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Die Chroniken der Schattenwelt: Angelos (German Edition)

Die Chroniken der Schattenwelt: Angelos (German Edition)

Titel: Die Chroniken der Schattenwelt: Angelos (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Gesa Schwartz
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jedem Schritt erinnerte er sich an das, was er über diesen Ort wusste, und er stellte sich vor, wie die Wüste vor langer Zeit gewesen war, damals, als an ihrer Stelle noch die Lande der Farben gelegen hatten. Er hatte von fruchtbaren Böden und Wäldern gelesen, von Wasserfällen, die riesigen Felsen entsprangen, und Vögeln, die in den schillerndsten Farben über reglose Seen geflogen waren, und zuerst hielt er die Gestalten, die plötzlich über den Dünen auftauchten, für eine Halluzination. Dann jedoch hörte er sie lachen und erkannte, dass sie tatsächlich über den Sand in seine Richtung zogen.
    Menschen waren es, Männer, Frauen und Kinder in einer langen Karawane. Sie schienen ihn nicht gesehen zu haben, aber ihre Kleider leuchteten in den schönsten Farben, und er musste wieder an die Vögel denken, die einst frei und wunderschön über diese Dünen geflogen waren. Das Licht des Portals flackerte vor seinem Blick, er wollte sich ihm wieder zuwenden, aber angesichts der Menschen schien es ihm, als wäre er schon viel zu lange allein durch diese Wüste geirrt, als würde er jeden seiner Gedanken, jedes seiner Worte verlieren, wenn er sie nicht teilte, und als die Menschen ihn bemerkten und ihm zuwinkten, verließ er seinen Weg und lief ihnen entgegen.
    Freundliche Gesichter waren es, von der Sonne gegerbt. Die Augen der Frauen waren kunstvoll bemalt, und Nando hörte das Lachen der Kinder, die zwischen den Erwachsenen herumliefen. Einer der Männer rief ihm etwas zu, seine Stimme klang warm und erinnerte ihn an diejenige seines Vaters, wenn er Nando am Abend nach Hause gerufen hatte. Sein Herz machte einen Satz, er winkte zurück zum Zeichen dafür, dass er zu ihnen kommen wollte. Er sah das warme Leuchten in den Augen des Mannes, der ihn gerufen hatte – und hörte den Pfeil zu spät.
    Knirschend schlug er in den Rücken des Mannes ein, und ehe Nando begriff, was vor sich ging, sah er die riesigen Tentakel, die plötzlich hinter den Menschen aus dem Wüstensand brachen. Messerscharfe Pfeile zischten aus ihnen hervor, während sie den Sand aufschlugen und mehrere Menschen mit heftigen Hieben zerschmetterten. Instinktiv breitete Nando die Schwingen aus und jagte auf die Szene zu. Er musste den Menschen helfen, irgendwie. Kurz glomm ein kühlendes Licht hinter ihm auf, er wusste, dass es das Portal war, das ihn rief – sein eigentliches Ziel. Ganz gleich, was geschehen wird. Er ballte die Fäuste. Was, wenn er tatsächlich in der Wüste des Lichts war, wenn es mehr war als eine Illusion? Und selbst wenn es ein Trugbild war und weiter nichts – musste er nicht seiner inneren Stimme folgen, ganz gleich in welcher Art von Wirklichkeit, wenn er sich nicht selbst verlieren wollte? Er durfte die Menschen nicht ihrem Schicksal überlassen! Der gellende Schrei eines Kindes trieb ihn noch schneller voran. Außer sich wehrte er den Sand ab, der ihm schmerzhaft ins Gesicht stob, und meinte schon, eines der Kinder vor sich zu erkennen – gestürzt und wie gelähmt vor Furcht – , als ein Seufzen durch die Luft ging. Seine Schwingen verloren den Halt, er stürzte auf die Dünen. Sofort wurde der Sand unter ihm weich, formte sich zu einem riesigen Trichter, und zog ihn hinab.
    Er stieß einen Schrei aus, doch seine Stimme ging im Lärm der wütenden Tentakel unter. Nur knapp verfehlte ihn einer der Fangarme. Mit mächtigen Zaubern versuchte er, sich aus dem flüsternden Sand zu befreien, aber es war zwecklos. Immer schneller zog die Wüste ihn hinab, und es war, als würde der Sand die Kraft seines Oreymons zuschütten. Fast ungehindert drangen die Schreie der Menschen an sein Ohr, und sie rissen alte Wunden in ihm auf. Fliehende Nephilim, erschlagene Kinder in den Straßen Bantoryns, die seinetwegen ermordet worden waren und denen er nicht hatte helfen können.
    Außer sich krallte er seine Hände in den Sand. Er meinte, sein Schädel müsste zerspringen unter dem Klang ihrer Stimmen, und während die Bilder um ihn herum flackerten, sah er eine Gestalt, die auf ihn zutrat – eine Gestalt mit mächtigen Schwingen.
    Im ersten Moment meinte er, den Teufel vor sich zu sehen, sah ihn durch die Bilder treten, als würde er sie wie Träume durchreisen. Doch als er einen Tentakel durchschritt wie Rauch und der Sand sich vor ihm lichtete, erkannte Nando, dass es ein Engel war, der vor ihm stehen blieb, ein Engel mit tiefschwarzen Flügeln und Augen wie Spiegel.
    »Du hast dich verirrt«, raunte Hadros, während er auf Nando

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