Die Chroniken der Schattenwelt: Angelos (German Edition)
auch nur einen Funken Laskantin gesehen.
Pherodos betrachtete das Bild des Teufelssohns, das noch immer in den Augenhöhlen des sterbenden Engels stand. Es zerbrach, als der letzte Herzschlag des Mönchs verklang, und Pherodos brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass die plötzliche Stille auch im Erdboden widerhallte, in dem gerade noch das Leben gepulst hatte. Kymbra riss ihren Arm zurück, der Mönch brach zusammen wie ein nutzloser Haufen Lumpen. Sein Blut sickerte in die Gräber der Kinder.
»Du hast gesehen, wo der Teufelssohn ist«, sagte Kymbra. Es war keine Frage gewesen, doch Pherodos fühlte ihren Blick steinschwer auf sich und neigte zustimmend den Kopf.
Wortlos wandte sie sich ab. Ihre Schritte knisterten auf den Gräbern, als würde die Erde unter ihren Füßen gefrieren. Raar strich ihr nach, ebenso wie Ligur, der von Grabstein zu Grabstein sprang und leise vor sich hin murmelte. Pherodos schaute noch für einen Moment auf die zusammengesunkene Gestalt des Mönchs, der sein Leben dem Licht gewidmet und es in Wahrheit nicht gekannt hatte. Dann folgte er den anderen. Noch immer fühlte er den goldenen Schimmer auf seinem Gesicht, und er nickte unmerklich.
Ja, er hatte gesehen, wo der Teufelssohn sich befand. Er war in den Schatten – wie er selbst.
25
Das Licht der Fackeln brach sich in den silbernen Schnallen von Nandos Rüstung und ließ die Punzierungen auf den Armschienen funkeln. Das weiße Gold der Engel lag so leicht um seinen Körper, als bestünde es aus Seide, und jedes Mal, wenn er sich in den Spiegeln des Korridors betrachtete, erschien es ihm, als wäre er über Nacht vollends zu einem Krieger des Lichts geworden. Dabei war es nur die Rüstung der Garde, die Hadros auf rätselhaften Wegen beschafft hatte und die ihnen auf ihrer Reise nützlich sein würde. Darunter war er noch immer Nando, der Nephilim, der noch vor Kurzem nichts stärker gefürchtet hatte als jene Sklaven des Lichts, denen er jetzt so ähnlich sah.
»Verflucht, Teufelssohn«, murmelte Avartos neben ihm. »Deine Gedanken rauben mir den Verstand.«
Nando verdrehte die Augen, erwiderte jedoch nichts. Seit den frühen Morgenstunden war der Engel in ausgesprochen schlechter Stimmung, und seine Laune hatte sich durch die Warterei vor dem Kampfsaal nicht gerade verbessert. Vor einer ganzen Weile war Hadros nun schon mit Noemi im Inneren verschwunden, und abgesehen von einigen magischen Explosionen, die die schwere Tür zum Beben brachten, verriet nichts ihre Existenz. Hadros hatte beschlossen, ihnen vor ihrer Abreise einige grundlegende Dinge beizubringen, insbesondere in Bezug auf die Wüste, die sie durchqueren mussten. Nando hatte von vielen seltsamen Erscheinungen gelesen, von Kreaturen, die selbst gestandene Engelskrieger in die Knie zwangen, von den Pforten des Frosts einmal ganz zu schweigen, und er war überzeugt, dass eine Unterweisung durch Hadros nicht schaden konnte. Avartos hingegen starrte mit so finsterer Miene auf die Tür, als wollte er ein Loch hineinbrennen. Nando konnte nur erahnen, was dort auf ihn zukommen würde, aber Avartos schien es zu wissen, und offensichtlich gefiel es ihm gar nicht.
Sie sind noch nicht so weit , hatte er zu Hadros gesagt. Selten hatte Nando ihn so aufgebracht erlebt.
Sie werden so weit sein müssen, hatte Hadros erwidert. Jedenfalls wenn sie die Wüste des Lichts durchqueren wollen. Dann war ein herablassendes Lächeln über das Gesicht des Kriegers geglitten. Vielleicht solltest du dir für diese Reise lieber ausreichend Laskantin besorgen oder dich endlich auf den Weg des Lichts besinnen, für den du dich einst entschieden hast . Du verlierst ihn in letzter Zeit aus den Augen, das weißt du selbst. Aber wir können keinen Engel an unserer Seite brauchen, der emotional aufgewühlter ist als zwei halbe Menschen.
Daraufhin hatte Avartos kein Wort mehr gesprochen, aber kaum dass Noemi in dem Raum verschwunden war, hatte er den Blick auf die Tür gerichtet und ihn seither nicht mehr abgewandt. Nando holte tief Atem. Er hatte genug damit zu tun, seine eigene Nervosität im Zaum zu halten, er brauchte nicht auch noch einen aufgebrachten Engel neben sich. Gerade als er seinen Herzschlag beruhigt hatte, drang ein Schrei aus dem Kampfsaal, der ihn zusammenfahren ließ.
Noch bevor sein Fluch über seine Lippen kam, sprang Avartos auf die Beine und empfing Noemi mit sorgenvollem Blick. Kreidebleich trat sie aus dem Raum, die Augen so dunkel, dass sie beinahe schwarz wirkten,
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