Die Chroniken der Schattenwelt: Angelos (German Edition)
Verlangen in dessen Brust aufwallen – dieselbe Hingabe, die er in Kymbras Augen zwischen den Bäumen gesehen hatte und die der Roten Kraft galt, einer Macht, von der niemand wusste, woher sie gekommen war.
Plötzlicher Zorn wallte in ihm auf, so übermächtig, dass er die Faust hob und die Bilder um ihn herum zerschlug. Dünn waren sie wie zerbrechendes Glas. Mit jedem zerstörten Bild wurde der Engel in seinen Klauen schwächer, und Pherodos jagte durch sein Gedächtnis, ungeachtet der Wellen aus Schmerz, die in diesen Gedanken nach ihm griffen. Der Bastard verbarg das letzte Bild vor ihm, jenes Bild, das er finden und vernichten musste – jenes Bild, das ihm den Sohn des Teufels zeigen würde.
Er fand ihn allein und umgeben von Schatten in einer steinernen Halle. Uralte Zeichen zierten die Wände, sie erzählten die Geschichte dieses Ortes, und Pherodos erkannte sie wieder, als wären es Narben in seinem eigenen Fleisch. Der Nephilim lag auf seinen Knien, den Kopf geneigt, das Haar wie nach einem anstrengenden Kampf zerwühlt. Instinktiv näherte Pherodos sich dieser Erinnerung des Mönchs, drang in das Bild ein, sodass er meinte, den Atem des Teufelssohns hören zu können. Seine Schritte waren lautlos auf den rauen Steinen, er fühlte die durchdringende Kälte dieses Ortes ebenso wie den schwachen Impuls menschlicher Wärme. Wenige Schritte von dem Nephilim entfernt blieb er stehen, ließ seinen Blick über die schwachen Glieder streifen und dachte daran, dass er ihn bald schon in seinen Klauen halten würde, um ihm das Leben aus dem Leib zu pressen. Gerade formte sich ein Lächeln auf seinen Lippen, als der Teufelssohn den Kopf hob. Unmerklich tat er das, einzelne Strähnen seines Haares fielen ihm ins Gesicht, und doch traf Pherodos sein Blick wie ein Stich. Das Lächeln gefror auf seinen Lippen, und als ein goldenes Licht in den Augen des Jungen aufglomm, mischte sich in sein Triumphgefühl etwas anderes – etwas, das er schon einmal gespürt und fortgedrängt hatte. Es war nicht das Licht der Hölle, das in den Augen des Teufelssohns lag. Es war das Licht der Engel.
Der Mönch stöhnte in seiner Klaue und formte mit letzter Kraft einen Eiszauber. Jeden Augenblick würde er sich aus dem Griff befreien. Pherodos musste nur die Hand heben, um das Bild und damit das Leben des Engels zu zerschlagen, und doch tat er es nicht. Es waren die fallenden Schwingen, die ihn davon abhielten – diese zerrissenen Flügel, die er nun in den Augen des Teufelssohns erkannte. Wieder ergriff ihn das Verlangen, die Klaue nach dem Glanz auszustrecken, und während er noch dastand, er, der Krieger der Hölle, der nur die Finger krümmen musste, um den Teufelssohn zu zerbrechen, schob sich eine Gestalt aus den Schwingen, eine Gestalt, die ihm das Blut aus dem Kopf zog. Es war ein schlafendes Kind, klein, zart und zerbrechlich, und als es lächelte, erstickte es jeden Zorn in Pherodos’ Brust. Unwillig zog er die Brauen zusammen, aber er fühlte deutlich, wie ihn dieses Bild beruhigte und mit etwas anderem erfüllte – etwas, das er so lange nicht mehr empfunden hatte, dass er nicht sicher war, ihm standhalten zu können. Unendlich sanft war das Licht dieses Kindes, und Pherodos sehnte sich danach, sich darin zu verlieren, in ihm, diesem unsterblichen Glanz, der jede Kraft von Dämonen oder Engeln übertraf. Seit sehr langer Zeit hatte er keine solche Wärme, kein solches Gefühl von Heimat mehr empfunden, in all seinem Feuer und der Glut der Hölle nicht.
Dann sah er sich selbst von außen, auf dem nächtlichen Friedhof, umgeben von Schatten, vom Gold aus den Augen des Teufelssohns wie verzaubert, und er schaute dem Mönch ins Gesicht. Nein, dieser Sklave kannte das Licht nicht, das er so verehrte, doch er, ein Geschöpf der Schatten … er kannte es.
Er hörte das Stöhnen des Engels zu spät. Schneidend glitt dessen Zauber in seine Schulter. Der Mönch grub seine Finger tief in sein Fleisch, und Pherodos stieß ein Brüllen aus, als die Kälte mit Übermacht in seine Glieder drang. Er hörte noch die letzte Silbe des Zaubers, der ihn von innen heraus in Eis verwandeln würde – und sah gleich darauf, wie die Miene des Mönchs erstarrte. Der Zauber erlosch, hilflos glitt seine Klaue aus Pherodos’ Schulter, und als dieser den Blick wandte, sah er Kymbra ins Gesicht, die den Brustkorb des Engels durchschlagen hatte und sein pumpendes Herz in der Hand hielt. Ihre Augen waren so schwarz und kalt, als hätte sie niemals
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