Die Clans von Stratos
würde sie von ihren Nachfahren bestimmt nicht als Piratin dargestellt. Maia fragte sich oft, was es dann mit den ausgeschmückten Geschichten über die erste Lamai auf sich hatte. War sie vielleicht eine Diebin gewesen? Eine Verschwörerin? Vielleicht hatte Leie ja ganz recht, wenn sie sich solche Freundinnen aussuchte. Wenn Maias Zwillingsschwester die skrupellose Seite ihres gemeinsamen Charakters zum Tragen brachte, sollte sich Maia darüber freuen?
Wie paßt Renna in das alles? Planen die Piraten einen Krieg unter den Splittergruppen des Regierungsrates? Oder Vergeltung von den Sternen? Das würde allerdings Bewegung in die Verhältnisse bringen. Möglicherweise mehr, als ihnen lieb ist.
Maia fand keine Ruhe. Was Renna jetzt wohl gerade macht?
Während sich die Dämmerung herabsenkte, hatte Maia mit Brod über diese Fragen gesprochen. Für einen Mann war er ein guter Zuhörer, der sie wirklich zu verstehen schien. Maia war dankbar für seine Gegenwart und seine Freundschaft. Doch nach einer Weile hatte sie keine Energie mehr. In der Dunkelheit lag sie ganz still da und ließ Brods Wärme die Nachtkühle abwehren. Sie atmete seinen männlichen Geruch ein und döste in seinen Armen, während sich ein seltsames Wohlgefühl in ihr ausbreitete. Halb im Traum ließ sie Bilder an sich vorüberziehen – von den Aurorae, den smaragdfarben und blaugolden schimmernden Himmelsvorhängen über den Gletschern ihrer Heimat. Und vom Wengelstern, der heller war als der Strahl des Leuchtturm-Reservats am Hafenausgang. Die Sommerbilder gingen über in eine ihrer liebsten Erinnerungen an den Herbst, wenn die Männer aus dem Exil zurückkehrten und zwischen den vielfarbigen frisch gefallenen Blättern ihre fröhlichen Lieder sangen.
Die Jahreszeiten vermischten sich. Im Schlaf blähte Maia die Nasenflügel in einer plötzlichen Erinnerung – dem fernen Duft von Glorienfrost.
Sie wachte auf, blinzelnd, und wußte, daß es noch längst nicht Zeit für die Morgendämmerung war. Doch sie konnte ein bißchen sehen. Mondlicht schimmerte durch die Ritzen im verschütteten Höhleneingang. Sie erkannte das Weiße in Brods Augen.
»Du hast im Schlaf gezittert. Ist etwas nicht in Ordnung?«
Verlegen, ohne recht zu wissen, warum, setzte Maia sich auf. In ihrem Innern spürte sie ein seltsames Rumoren, eine Leere, die nichts mit dem Hunger in ihrem Bauch zu tun hatte.
»Ich… ich habe von zu Hause geträumt.«
Brod nickte verständnisvoll. »Ich auch. Wir haben soviel von Ketzern und Radis und Königen geredet, daß mir eine Familie eingefallen ist, die ich daheim in Joannaborg kannte und die den Eigenweg gewählt hatte.«
»Den Eigenweg?« Maia verzog fragend das Gesicht. »Oh, ich habe schon davon gehört. Ist es bei denen nicht so, daß… daß die Klontöchter losziehen, um eine Nische zu finden und die Vars zu Hause bleiben?«
»Genau. An der Mechant-Küste gab es Städte, die ganze Eigenviertel hatten, umgeben von Getto-Mauern.
Ich hab Bilder davon gesehen. Die meisten Jungen sind nicht zur See gefahren, sondern daheim geblieben, haben zusammen mit ihren Sommerschwestern ein Handwerk gelernt und dann in einen anderen Eigenclan eingeheiratet. Eine komische Vorstellung, aber irgendwie auch nett.«
Maia verstand, was Brod damit meinte. Ein solcher Lebensweg bot den Jungen wesentlich mehr Möglichkeiten – und auch den Sommermädchen, die in ihrer Heimat blieben, bei ihren Müttern wohnten…
Und ihren Vätern. Das konnte sich Maia am schwersten vorstellen.
Ohne das, was sie in letzter Zeit gelernt hatte, wäre Maia vielleicht nicht klar gewesen, daß die Eignenlebensweise unglücklicherweise der stratoinischen Biologie zuwiderlief. Es gab grundlegende genetische Gründe dafür, warum die Zeit das Bedürfnis verstärkte, zuerst eine Wintergeburt zu haben, oder daß die Mütter zu ihren Klontöchtern eine tiefere Bindung entwickelten als zu ihren Sommerkindern. Die Menschen waren flexible Wesen, und ideologische Leidenschaft konnte solche Triebe vielleicht eine oder auch mehrere Generationen lang verdrängen, aber es war jedenfalls nicht verwunderlich, daß die Eignenketzerei recht rar geblieben war.
Brod fuhr fort: »Ich mußte an sie denken, weil, na ja, weil du dieses Buch über die Florentina-Welt erwähnt hast. Weißt du, in der sie noch die Ehe hatten? Aber ich kann dir sagen, in der Eigenfamilie, die ich gekannt habe, war das gar nicht so. Die Eheleute…« – es war ihm offensichtlich peinlich, das Wort
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