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Die Feuerkrone: Roman (Heyne fliegt) (German Edition)

Die Feuerkrone: Roman (Heyne fliegt) (German Edition)

Titel: Die Feuerkrone: Roman (Heyne fliegt) (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Rae Carson
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denken kann.
    Kurz erwäge ich, laut zu schreien, um auf meine Lage aufmerksam zu machen. Aber ein Schrei würde auch dafür sorgen, dass, wer oder was auch immer im Hinterhalt auf mich lauern mag, genau feststellen kann, wo ich mich befinde.
    Ich brauche eine Waffe. Panisch sehe ich mich nach irgendetwas um, mit dem ich mich verteidigen könnte. Ein seidenes Banner flattert im Windhauch. Ich packe es an den Quasten und zerre es vom Sarg herunter. Staub wirbelt auf, und bebend unterdrücke ich einen Hustenanfall. Das Banner ist lang, zweimal länger als ich. Während meine Gebete Wärme in meine Glieder fließen lassen, falte ich es einmal, zweimal in der Mitte.
    Ich habe keine Ahnung, was ich damit anstellen werde. Bewaffnet mit einem Seidenbanner aus der Gruft hervorzutreten, ist eine alberne Idee. Und in der Wüste habe ich gelernt, dass es dumm ist zu kämpfen, wenn man weglaufen und sich verstecken kann.
    Zwei der Sarkophage sind leer und warten noch darauf, ihrer Bestimmung zugeführt zu werden. Plötzlich packt mich der Wunsch hineinzuklettern, die Arme über der Brust zu kreuzen und meine Augen vor der Welt zu verschließen. Aber stattdessen krieche ich hinter den Sarg, der mir am nächsten steht, und hocke mich auf den Boden, damit man mich von der Tür aus nicht sehen kann. Ich muss nur lange genug unsichtbar bleiben, bis Hector nach mir suchen kommt.
    Ein Umriss bewegt sich in der Dunkelheit.
    Das Herz schlägt mir bis zum Hals. Hier ist jemand, und er war schon die ganze Zeit hier unten in der Gruft.
    Ich weiche zurück, aber ich bin zu kalt und zu langsam.
    Licht bricht sich auf einer stählernen Schneide, und ich reiße das Banner gegen das hässliche Glänzen hoch.
    Etwas stößt gegen die Seide, gleitet ab, prallt gegen meinen Unterarm. Meine Haut teilt sich, Schmerz fährt mir bis hinauf in die Schulter.
    Ich lasse das Banner fallen, husche kriechend wie ein Krebs zurück, aber ich stoße gegen einen Sockel. Die Klinge stößt wieder zu.
    Ich schreie, als sie von meinem Feuerstein abgleitet und in meinen Bauch fährt, als wäre ich aus Butter.
    Der Schmerz ist schlimmer als alles, was ich bisher je erfahren habe. Ich weiß, dass ich daran zerbrechen werde.
    Wärme quillt über meinen Bauch und läuft meine Beine hinunter. Die Klinge wird wieder aus mir herausgerissen, und ich breche auf den Steinen zusammen. Meine Wange kommt in einen See aus meinem eigenen Blut auf.
    Mein letzter Gedanke gilt Alejandro, wie überrascht er sein wird, mich zu sehen.

4

    I ch erwache wie aus einem Traum– einem Traum aus Licht und Hitze und Schmerz.
    Ich sollte wohl die Augen öffnen, aber ich scheine sie in meinem Kopf nicht finden zu können. Ich sollte schreien, aber ich bin zu weit entfernt von meinem Körper, um zu wissen, wie das geht. Ich bin verloren in der Wüste meines Verstands, in einer Wildnis aus Sand und Licht.
    … bald schon tot, sagt der General in meiner Einbildung, weit weg, wie in einer anderen Welt.… Priester … Sterbesakramente. Er will, dass ich sterbe. Das weiß ich mit Sicherheit, selbst an diesem hellen, verlorenen Ort.
    Aber ich weigere mich.
    Und später, vielleicht viel später: Elisa? … Hector … die Hand bewegt! Das war Rosarios helle Stimme. Hier ist jemand, der unbedingt will, dass ich überlebe. Ich konzentriere mich auf seine Worte, halte mich an ihnen fest wie an einem Rettungsanker.
    Wärme. Druck. Meine Hand! Jemand hält sie fest.
    Ich mache meine Hand zur ganzen Welt. Hand Hand Hand Hand. Ich dränge mich durch den Sand und das Licht und die Hitze, und mit aller Kraft, die in mir ist, erwidere ich den Druck.
    Mein nächstes Erwachen ist realer, meine Wahrnehmung schärfer, mein Schmerz so viel heftiger. Meine Augen sind verklebt, und ich gebe es auf, sie öffnen zu wollen.
    Mein Kopf ist schwer und riesengroß, als ob er auf das Doppelte seiner normalen Größe angeschwollen sei. Der schlimmste Schmerz jedoch tobt in meinem Bauch, links vom Feuerstein.
    Jetzt erinnere ich mich, und mein Atem geht in schnellen Stößen. Die Dunkelheit, die schimmernde Schneide, der zustoßende Dolch…
    Nein. Diese schlimmen Schmerzen bedeuten, dass ich lebe. Daran werde ich mich klammern.
    Selbst mit geschlossenen Augen erkenne ich, dass ich in meinem Bett liege. Eine kühle, nächtliche Brise streicht mir über die fiebrige Stirn und bringt einen Hauch von Freesien und Hibiskus mit. Die Vorhänge vor meiner Balkontür rascheln leise, mein Badebecken gurgelt, während frisches Wasser

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