Die fünf Leben der Daisy West
höre ich die Tastatur.
»Schlechte Entscheidung«, tadelt Gott. »Was für eine gewaltige Verschwendung, dass du Revive bekommen hast.«
Ohne seiner Bemerkung Beachtung zu schenken, mache ich einen weiteren Schritt und sehe abermals die Silhouette – Jesus – im Zimmer. Jetzt öffnet die Person das Fenster und selbst aus der großen Entfernung kann ich erkennen, dass sie eine Waffe auf mich richtet. Ich schließe die Augen, halte die Luft an und wünsche mir, dass es schnell vorbeigeht.
Hinter mir ist ein seltsames Geräusch zu hören – wie ein Kieselstein, der auf ein Kopfkissen fällt. Verwirrt drehe ich mich danach um und sehe, was dieser Jesus getan hat.
Er hat nicht auf mich geschossen, sondern auf den Bienenstock.
Angriffslustige Bienen quellen zuhauf aus dem großen Loch, das in ihre Behausung gerissen wurde, um Rache zu üben an jedem, der so dumm ist, sich in der Nähe aufzuhalten. Ich drehe mich wieder zum Haus um. Jesus steht nicht mehr am Fenster. Auch wenn ich keine Ahnung habe, wo er jetzt ist, steht für mich außer Frage, dass ich auf der Stelle fliehen muss. Nach drei Schritten höre ich die Bienen über meinem Kopf. Tränen schießen mir in die Augen und laufen mir über die Wangen, ich wische sie nicht ab. Abgesehen von meinen Füßen ist mein Körper wie gelähmt. Keine. Plötzlichen. Bewegungen.
Schritt.
Einatmen.
Schritt.
Ausatmen.
Es ist nicht weit.
Es ist nicht weit.
Es ist nicht weit.
Mir wird bewusst, dass ich noch immer das Telefon ans Ohr gedrückt halte. Zwar habe ich Angst, den Arm zu bewegen, aber ich will nicht Gotts Stimme im Ohr haben, während er und seine Marionette mir beim Sterben zuschauen. Mit dem Daumen drücke ich auf den Knopf, um das Gespräch zu beenden und höre, wie durch ein Wunder, Musik.
Matt ist noch in der Leitung.
Die Musik ermutigt mich dazu, einen weiteren Schritt zu machen. Und dann noch einen.
Ich habe nicht das Gefühl, bereits gestochen worden zu sein, doch womöglich betäubt das Adrenalin, das mir durch den Körper schießt, den Schmerz. Ich habe nur noch einen einzigen Gedanken: Ich brauche meinen EpiPen . In meinem Rucksack in der Küche ist einer. Ich muss also lediglich noch ein Stück Wiese und die Terrasse überqueren und das Haus betreten. Dann bin ich auch schon dort. Ich kann es schaffen.
Denk nicht an den Mann dort drinnen. Er weiß nicht, wo der EpiPen ist.
Ich kann ihn mir greifen, bevor er es überhaupt mitbekommt.
Immer mehr Bienen schwärmen immer dichter um mich herum. Behutsam schiebe ich einen Fuß über das kürzere, trockene Gras und setze meinen Weg fort. Mehr als fünfzehn Schritte können es nicht mehr sein bis zur Terrasse. Und dann sind es nur noch wenige bis zur Tür.
Unwillkürlich muss ich daran denken, dass sich nur sehr wenig Revive im Haus befindet. Ich versuche den Gedanken zu verdrängen. Wahrscheinlich hat dieser Jesus es ohnehin bereits an sich genommen, um die Vorräte von Gott aufzufüllen. Selbst wenn es noch eine Dosis gäbe, wäre niemand Zurechnungsfähiges da, der mir das Mittel spritzen könnte. Ich bin allein.
In dem Moment, als ich die Terrasse betrete, landet eine Biene auf meiner Stirn. Ich spüre, wie sie über die Haut krabbelt. Sie sucht wohl die ideale Stelle, um ihr Gift zu injizieren. Dennoch gelingt es mir, ruhig zu bleiben, bis plötzlich jemand hinter der Schiebetürerscheint. Die Sonne spiegelt sich in der Scheibe, sodass ich nur den Umriss erkennen kann. Dennoch bleibe ich vor Schreck stehen und halte die Luft an.
Das ist für die Bienen das Signal.
Wie auf Kommando stechen mich mehrere Bienen gleichzeitig. Kurz bevor ich die Augen schließe, verschiebt sich die Spiegelung auf der Tür, und ich sehe endlich, wer hinter der Glasscheibe steht: Es ist Cassie.
Sie ist zurück!
Eine Welle der Erleichterung macht sich in mir breit, ungeachtet dessen, was die Bienen gerade mit meinem Körper anrichten.
»Cassie!«, kreische ich, doch eine Biene versucht, in meinen Mund zu gelangen, sodass ich ihn schnell wieder schließe. Mit Bienen übersät wie ein Imker, nur ohne Schutzkleidung, setze ich mich wieder in Bewegung. Noch zwei Schritte.
Glücklich, die Tür erreicht zu haben, strecke ich die Hand aus, um sie zu öffnen.
Cassie eilt mir zur Hilfe.
Ich höre, wie das Schloss klickt.
Entgeistert rüttele ich an der Tür. Sie ist eindeutig verschlossen.
Durch mein verschleiertes Sichtfeld starre ich Cassie ungläubig an. Vielleicht hat sie sich geirrt und glaubt, die Tür
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