Die Geliehene Zeit
mein Vorhaben in die Tat umsetzen konnte, ergriff hinter mir Maitre Raymond das Wort. In all dem Durcheinander hätte ich ihn fast vergessen.
»Das ist nicht alles, was in der Bibel steht, Monsieur le Comte«, bemerkte Raymond. Er sprach nicht laut, und sein breites Gesicht war vollkommen ausdruckslos. Dennoch erstarb das Stimmengewirr, und der König wandte ihm seine Aufmerksamkeit zu.
»Ja, Monsieur?« sagte er.
Mit einem höflichen Nicken dankte Raymond für die Erteilung des Wortes und griff mit beiden Händen in seine Robe. Aus einer Tasche holte er eine Flasche, aus der anderen einen kleinen Becher.
»›Wenn sie Schlangen anfassen‹«, zitierte er, »›oder tödliches Gift trinken, wird es ihnen nicht schaden.‹« Auf seiner Handfläche hielt er uns einen Becher entgegen, der im Kerzenlicht silbern schimmerte. Die Flasche hielt er zum Einschenken bereit.
»Da sowohl die Herrin von Broch Tuarach als auch ich selbst beschuldigt wurden«, sagte Raymond mit einem raschen Blick in meine Richtung, »schlage ich vor, daß wir uns alle drei dieser Probe unterziehen. Mit Eurer Erlaubnis, Majestät?«
Louis wirkte ziemlich verblüfft ob des raschen Gangs der Ereignisse, nickte aber und eine bernsteinfarbene Flüssigkeit ergoß sich in den Becher. Sofort verfärbte sich der Inhalt rot und begann zu blubbern.
»Drachenblut«, erläuterte Raymond, auf den Becher deutend. »Vollkommen harmlos für jene, die reinen Herzens sind.« Er lächelte ein zahnloses, aufmunterndes Lächeln und reichte mir den Becher.
Es blieb mir praktisch nichts anderes übrig, als zu trinken. Ich hatte den Eindruck, daß es sich bei dem Drachenblut um doppeltkohlensaures Natron handelte; es schmeckte wie Weinbrand mit
Alka-Seltzer. Ich nahm ein paar Schluck und gab den Becher zurück.
Mit angemessener Feierlichkeit trank auch Raymond davon. Als er den Becher absetzte, zeigten sich seine rotgefärbten Lippen. Dann wandte er sich an den König.
»Dürfte ich La Dame Blanche bitten, Monsieur le Comte den Becher zu reichen?« sagte er und deutete auf die Kreidelinien zu seinen Füßen, um darauf hinzuweisen, daß er den Schutz des Pentagramms nicht verlassen durfte.
Auf das Nicken des Königs hin nahm ich den Becher und drehte mich um. Von St. Germain trennten mich etwa zwei Meter. Ich tat einen Schritt und dann noch einen. Meine Knie zitterten heftiger als in dem kleinen Vorzimmer, wo ich mit dem König allein gewesen war.
Die Weiße Dame erkennt den wahren Charakter eines Menschen? Konnte ich das? Wußte ich wirklich über die beiden Bescheid, über Raymond und den Comte?
Hätte ich dem ganzen Einhalt gebieten können? Das habe ich mich hundertmal, tausendmal gefragt - später. Hätte ich anders handeln können?
Ich erinnerte mich meiner sündigen Gedanken bei meiner ersten Begegnung mit Charles Stuart: Es würde auf lange Sicht allen eine Menge Ärger ersparen, wenn er rasch und sanft entschlummern würde. Aber man darf einen Menschen nicht wegen seiner Überzeugungen töten, selbst wenn der Kampf für diese Überzeugungen Unschuldige das Leben kostet - oder doch?
Ich wußte es nicht. Ich wußte nicht, ob der Comte schuldig und ob Raymond unschuldig war. Ich wußte nicht, ob ein rühmliches Ziel den Einsatz unrühmlicher Mittel rechtfertigt. Ich wußte nicht, was ein Menschenleben wert ist-oder tausend. Und ich wußte nicht, wie hoch der Preis der Rache ist.
Aber ich wußte, daß der Becher in meinen Händen den Tod barg. Der weiße Kristall, den ich am Hals trug, erinnerte mich an Gift. Ich hatte nicht gesehen, daß Raymond noch etwas hinzugefügt hatte, niemand hatte es gesehen, da war ich mir sicher. Aber ich brauchte den Kristall nicht in die blutrote Flüssigkeit zu tauchen, um zu wissen, was sie jetzt enthielt.
Der Comte las mir die Wahrheit vom Gesicht ab. La Dame Blanche kann nicht lügen. Zögernd betrachtete er die blubbernde Flüssigkeit.
»Trinken Sie, Monsieur«, sagte der König. Sein Blick war wieder verschleiert und gab nichts preis. »Oder haben Sie Angst?«
Der Comte besaß eine Reihe schändlicher Eigenschaften, aber Feigheit zählte nicht dazu. Sein Gesicht war blaß und starr, aber er blickte den König offen an und lächelte ein wenig.
»Nein, Majestät«, sagte er.
Er nahm den Becher aus meiner Hand und leerte ihn, wobei er mich unverwandt ansah. Auch als seine Augen im Wissen um den nahenden Tod glasig wurden, sah er mir noch ins Gesicht. Die Weiße Dame kann das Innerste eines Menschen zum Guten
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