Die Geliehene Zeit
klar zu erkennen. Es
war ein Oval, in dem sich, wenn auch undeutlich, Buchstaben abzeichneten.
»Wer hat das getan, Fergus?« fragte ich. Meine Stimme klang unnatürlich ruhig und unbeteiligt.
Fergus versuchte, sich loszureißen, doch ich hielt ihn fest.
»Wer war es, Fergus?« wiederholte ich eindringlich und schüttelte ihn.
»Es ist nichts, Madame. Ich habe mich verletzt, als ich vom Zaun heruntergerutscht bin. Es muß ein Splitter sein.« Seine dunklen Augen huschten hin und her, als suchte er einen Fluchtweg.
»Das ist kein Splitter. Ich weiß, was das ist, Fergus. Und ich will wissen, wer es getan hat.« Etwas Ähnliches hatte ich bisher nur ein einziges Mal gesehen, und zwar als frische Wunde, während diese bereits verheilt war. Aber das Mal eines Brandzeichens ist unverkennbar.
Da Fergus merkte, daß ich es ernst meinte, hörte er auf, nach Ausflüchten zu suchen. Zögernd fuhr er sich mit der Zunge über die Lippen.
»Es war... ein Engländer, Madame. Mit einem Ring.«
»Wann?«
»Es ist schon lange her, Madame! Es war im Juni.«
Ich versuchte, ruhig zu bleiben, und rechnete nach. Zwei Monate. Vor zwei Monaten hatte Jamie das Haus verlassen, um den Aufseher seines Lagerhauses in einem Bordell zu suchen. In Begleitung von Fergus. Vor zwei Monaten war Jamie Jack Randall in Madame Elises Etablissement begegnet und hatte etwas gesehen, was alle Versprechungen null und nichtig machte, etwas, was in ihm den Entschluß reifen ließ, Jack Randall zu töten. Vor zwei Monaten war er gegangen - und nicht mehr zurückgekehrt.
Es erforderte große Geduld, und auch den Griff um Fergus’ Oberarm durfte ich nicht lockern, doch schließlich gelang es mir, ihm die ganze Geschichte zu entlocken.
Als die beiden in Madame Elises Etablissement eintrafen, hatte Jamie Fergus befohlen zu warten, während er nach oben ging, um die finanziellen Fragen zu regeln. Aufgrund früherer Erfahrungen wußte Fergus, daß dies einige Zeit dauern könnte. Also spazierte er in den großen Salon, wo sich eine Reihe der Damen, die er kannte, »ausruhten«, plauderten und sich gegenseitig frisierten, während sie auf Kundschaft warteten.
»Am Morgen geht das Geschäft manchmal schleppend«, erklärte Fergus. »Aber am Dienstag und am Freitag fahren die Fischer die Seine herauf, um ihren Fang auf dem Morgenmarkt zu verkaufen. Dann haben sie Geld, und Madame Elise macht guten Umsatz, also müssen les jeunes filles nach dem Frühstück bereit sein.«
Die »Mädchen« waren in Wirklichkeit die älteren Bewohnerinnen des Etablissements. Fischer galten nicht als besonders erlesene Kunden, und so landeten sie bei den weniger begehrten Prostituierten. Gerade mit ihnen war Fergus jedoch von früher her befreundet, also verbrachte er eine Viertelstunde bei ihnen. Einige Kunden erschienen, trafen ihre Wahl und gingen nach oben - das schmale Haus von Madame Elise besaß immerhin vier Stockwerke -, ohne daß sich die anderen Damen in ihrer Unterhaltung stören ließen.
»Und dann führte Madame Elise den Engländer herein.« Fergus hielt inne und schluckte.
Für Fergus, der Männer in allen Stadien der Trunkenheit und der Erregung gesehen hatte, stand fest, daß der Hauptmann die Nacht durchgemacht hatte. Sein Gesicht war rot, seine Kleidung unordentlich, und seine Augen blutunterlaufen. Madame Elises Versuche, ihn einer der Prostituierten zuzuführen, beachtete er nicht, sondern durchstreifte den Salon und begutachtete das Angebot selbst. Dann fiel sein Blick auf Fergus.
»Er hat gesagt: ›Du. Komm mit‹, und mich am Arm genommen. Ich wollte nicht, Madame. Ich habe ihm gesagt, mein Herr sei oben, und ich könnte nicht, aber er wollte nicht hören. Madame Elise hat mir zugeflüstert, ich sollte mit ihm gehen, sie würde das Geld nachher mit mir teilen.« Fergus zuckte die Achseln und sah mich hilflos an. »Ich wußte, daß Männer, die kleine Jungen mögen, nicht lange brauchen. Ich dachte, bis der Herr zum Aufbruch bereit ist, wäre der Engländer längst fertig.«
»Guter Gott.« Mein Griff lockerte sich, kraftlos glitten meine Finger über seinen Arm. »Soll das heißen... Fergus, hast du das früher auch schon gemacht?«
Er sah aus, als wäre er den Tränen nahe. Ich war es auch.
»Nicht oft, Madame«, sagte er verständnisheischend. »Es gibt Häuser, in denen das als Besonderheit angeboten wird, und die Männer, die das wollen, gehen in der Regel dorthin. Aber manchmal hat ein Kunde mich gesehen und Gefallen an mir gefunden...«
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