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Die Geliehene Zeit

Titel: Die Geliehene Zeit Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Diana Gabaldon
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Seine Nase lief, und er wischte sie sich mit dem Handrücken ab.

    Ich zog ein Taschentuch aus meiner Rocktasche und gab es ihm. Bei der Erinnerung an diesen Freitagvormittag brach er in Tränen aus.
    »Es war viel größer, als ich dachte. Ich hab’ ihn gefragt, ob ich es in den Mund nehmen könnte, aber er... er wollte...«
    Ich zog Fergus an mich und drückte seinen Kopf an meine Schulter. Seine zerbrechlichen Schulterblätter unter meinen Händen fühlten sich an wie die Flügel eines Vogels.
    »Sag nichts mehr. Sprich nicht weiter. Schon gut, Fergus, ich bin nicht böse. Aber sag nichts mehr.«
    Doch diese Mahnung stieß auf taube Ohren. Nach so vielen Wochen der Angst und des Schweigens konnte er nicht aufhören zu sprechen.
    »Aber es ist meine Schuld, Madame!« platzte er heraus und riß sich los. Seine Lippen zitterten, und Tränen liefen ihm über das Gesicht. »Ich hätte still sein sollen. Ich hätte nicht schreien dürfen! Aber ich konnte nicht anders, und mein Herr hörte mich, und... und er kam hereingestürmt... und... oh, Madame, ich hätte es nicht tun sollen, aber ich war so froh, ihn zu sehen, und rannte zu ihm, und er versteckte mich hinter seinem Rücken und schlug dem Engländer ins Gesicht. Und dann kam der Engländer wieder auf die Beine, mit einem Hocker in der Hand, den er nach uns warf. Ich hatte solche Angst, ich rannte aus dem Zimmer und versteckte mich in der Kammer am Ende des Flures. Dann hörte ich Schreie und Schläge und einen schrecklichen Krach und noch mehr Geschrei. Dann war es vorbei, und kurz darauf öffnete der Herr die Tür und holte mich heraus. Er hatte meine Kleider in der Hand und zog mich an, weil ich die Knöpfe nicht zumachen konnte... weil ich so zitterte.«
    Er klammerte sich mit beiden Händen an meinem Rock. Mit qualvoll verzerrtem Gesicht rang er darum, daß ich ihm glaubte.
    »Es ist meine Schuld, Madame, aber ich wußte es nicht! Ich wußte ja nicht, daß er mit dem Engländer kämpfen würde. Und jetzt ist der Herr fort, und er kommt nie wieder, und ich bin an allem schuld!«
    Heftig schluchzend sank er vor mir auf die Erde. Er weinte so laut, daß er mich wohl nicht hören konnte, als ich mich über ihn beugte und ihn hochhob, aber ich sagte es trotzdem.
    »Es ist nicht deine Schuld, Fergus. Und meine ist es auch nicht - aber du hast recht, er ist fort.«

    Nach Fergus’ Geständnis versank ich noch tiefer in Apathie. Die graue Wolke, die mich seit der Fehlgeburt umgab, zog sich um mich zusammen und verdunkelte das Licht der strahlendsten Tage.
    Mit besorgter Miene blickte Louise mich an.
    »Du bist viel zu dünn«, schalt sie, »und weiß wie ein Teller Kutteln. Yvonne sagt, du hast dein Frühstück schon wieder stehenlassen!«
    Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich zuletzt Hunger verspürt hatte. Es erschien mir auch nicht wichtig. Lange vor dem Duell im Bois de Boulogne, lange vor meiner Reise nach Paris. Ich starrte auf das Kaminsims und verlor mich in den Rokokoschnörkeln. Louise sprach weiter, aber ich achtete nicht darauf; ihre Stimme war nur ein Geräusch in meinem Zimmer, wie das Summen der Fliegen, die von meinem unberührten Frühstück angelockt wurden.
    Ich beobachtete eine von ihnen, die hastig von den Eiern aufflog, als Louise in die Hände klatschte. Die Fliege zog ihre kleinen, wirren Kreise, bevor sie sich wieder auf ihrer Mahlzeit niederließ. Dann hörte ich Schritte, die sich eilig näherten, einen scharfen Befehl von Louise, ein unterwürfiges » Oui, Madame« und das jähe Patsch! der Fliegenklatsche, als sich das Zimmermädchen an die Arbeit machte und die Fliegen eine nach der anderen beseitigte. Sie ließ die kleinen schwarzen Leichen in ihre Tasche fallen und wischte die entstandenen Flecken mit dem Schürzenzipfel weg.
    Louise beugte sich über mich und schob ihr Gesicht in mein Blickfeld.
    »Ich sehe jeden Knochen in deinem Gesicht! Wenn du schon nicht essen willst, dann geh wenigstens an die frische Luft!« drängte sie. »Der Regen hat aufgehört. Komm mit, wir wollen sehen, ob es in der Laube noch ein paar Muskatellertrauben gibt. Vielleicht ißt du davon ein paar.«
    Ob drinnen oder draußen, mir war alles gleich. Das weiche, betäubende Grau begleitete mich überallhin, verwischte die Konturen und ließ einen Ort wie den anderen aussehen. Aber Louise schien die Sache wichtig zu nehmen, also erhob ich mich gehorsam und folgte ihr.
    Am Gartentor wurde sie jedoch von der Köchin gestellt, die ihr eine endlose Liste von

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