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Die Geliehene Zeit

Titel: Die Geliehene Zeit Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Diana Gabaldon
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auf eines der Ponys, führte ihn den Hang hinauf und bat um ein Nachtlager für uns.«
    Sie wurden mit der traditionellen Gastfreundschaft des Hochlands aufgenommen und erhielten Unterkunft und ein Abendessen. Nach einer Schale Brei und frischem Haferkuchen richtete man für die Gäste ein Strohlager am Feuer her.
    »Es war wenig Platz neben dem Feuer, und wir lagen ziemlich beengt, aber wir machten es uns so bequem wie möglich.« Jamie holte tief Luft und sah mich zögernd an.
    »Ja, ich war erschöpft von der Reise und schlief fest, und ich vermute, Ian ebenfalls. Aber da er die letzten fünf Jahre jede Nacht bei Jenny geschlafen und immer ihren warmen Körper neben sich im Bett gespürt hat - na ja, irgendwann in der Nacht rollte er zu mir herüber, legte seinen Arm um mich und küßte mich auf den Nakken. Und ich...«, er stockte, und ich konnte im fahlen Lichtschein des Schneehimmels genau sehen, wie er blaß wurde, »ich wurde aus dem Tiefschlaf gerissen und meinte, es sei Jack Randall.«
    Ich hatte den Atem angehalten; jetzt atmete ich langsam aus.
    »Das muß ein höllischer Schock gewesen sein«, sagte ich.
    Jamies Mund verzog sich zu einem Grinsen. »Für Ian war es ein höllischer Schock, das kann ich dir versichern«, erwiderte er. »Ich habe mich umgedreht und ihn ins Gesicht geschlagen, und als ich zu mir kam, saß ich auf ihm und würgte ihn. Ein Schock war es auch für die Murrays, die mit uns im Zimmer schliefen«, fügte er nachdenklich hinzu. »Ich habe ihnen erklärt, ich hätte einen Alptraum
gehabt - das stimmte ja auch irgendwie -, aber da war schon der Teufel los. Die Kinder schrien, Ian kauerte in einer Ecke und rang nach Luft, und Mrs. Murray saß kerzengerade im Bett und heulte wie eine aufgeplusterte Eule ›hu, hu‹.«
    Ich mußte unwillkürlich lachen, als ich mir das vorstellte.
    »O Gott, Jamie. Und mit Ian war alles in Ordnung?«
    Jamie zuckte die Achseln. »Du hast ihn ja gesehen. Nach einer Weile legten sich alle wieder schlafen, ich blieb den Rest der Nacht neben dem Feuer ausgestreckt liegen und starrte auf die Balken an der Decke.« Er ließ mich gewähren, als ich seine Hand nahm und die geschwollenen Knöchel sanft streichelte. Seine Finger schlossen sich um meine Hand.
    »Als wir dann am nächsten Morgen aufbrachen«, fuhr er fort, »wartete ich, bis wir an eine Stelle kamen, wo man sitzen und das Tal überblicken konnte. Und dann...«, er schluckte und drückte meine Hand, »dann erzählte ich ihm alles. Von Randall. Und alles, was geschehen war.«
    Jetzt verstand ich auch den seltsamen Blick, den Ian Jamie zugeworfen hatte. Und ich verstand auch die Anspannung in Jamies Gesicht und die dunklen Ringe unter seinen Augen. Ich wußte nicht, was ich sagen sollte, und drückte seine Hand.
    »Ich wollte es niemandem erzählen - außer dir«, sagte er und erwiderte meinen Händedruck. Er lächelte, dann strich er sich mit einer Hand übers Gesicht.
    »Aber Ian... na ja, er ist...« Er suchte nach dem richtigen Wort. »Er kennt mich, verstehst du?«
    »Ich glaube schon. Du kennst ihn seit eh und je, nicht wahr?«
    Er nickte und starrte aus dem Fenster. Es hatte wieder angefangen zu schneien; kleine Schneeflocken tanzten vor der Scheibe.
    »Er ist nur ein Jahr älter als ich. Ich bin praktisch mit ihm aufgewachsen. Bis ich vierzehn war, verging nicht ein einziger Tag, an dem ich Ian nicht sah. Und auch später, als ich zu Dougal geschickt wurde und dann nach Leoch, und als ich nach Paris gingimmer wenn ich zurückkam, war er da, und es war so, als wäre ich nie fort gewesen. Er lächelte, wenn er mich sah, so wie er es immer getan hatte, und dann gingen wir zusammen, Seite an Seite, über die Felder und überquerten Flüsse und unterhielten uns über alles.« Er seufzte tief und strich sich mit einer Hand durchs Haar.
    »Ian... er ist der Teil von mir, der hierher gehört, der niemals
von hier weggegangen ist«, sagte er stockend. »Ich dachte... ich muß es ihm einfach sagen; ich wollte mich nicht... abgeschnitten fühlen. Von Ian. Von hier.« Er blickte zum Fenster, dann wandte er sich mir zu, und seine Augen leuchteten dunkel im trüben Licht. »Verstehst du?«
    »Ich glaube schon«, sagte ich noch einmal mit sanfter Stimme. »Versteht es Ian auch?«
    Er zuckte kaum merklich mit den Schultern. »Das weiß ich nicht. Zuerst hat er immer nur den Kopf geschüttelt, als könnte er es nicht glauben, und dann...« Er machte eine Pause und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, und

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