Die Geliehene Zeit
ich ahnte, wie schwer ihm dieses Bekenntnis im Schnee gefallen war. »Ich spürte, daß er am liebsten aufgesprungen wäre und mit den Füßen aufgestampft hätte, aber er konnte ja nicht, wegen seines Beins. Er hatte die Hände zu Fäusten geballt und war ganz blaß im Gesicht, und er sagte immer wieder: ›Verdammt, Jamie, wie konntest du das bloß zulassen?‹«
Er schüttelte den Kopf. »Ich erinnere mich nicht mehr daran, was ich gesagt habe. Oder was er gesagt hat. Wir schrien einander an, das weiß ich noch. Und ich wollte ihn schlagen, konnte aber nicht, wegen seines Beins. Und er wollte mich schlagen, konnte aber nicht - wegen seines Beins.« Er lachte leise. »Himmel, wir müssen ausgesehen haben wie zwei komplette Idioten, wie wir mit den Armen gefuchtelt und einander angeschrien haben. Aber ich schrie lauter, und schließlich schwieg er und hörte sich meine Geschichte zu Ende an.
Dann plötzlich konnte ich nicht mehr weiterreden. Es erschien mir so sinnlos. Und ich setzte mich auf einen Felsvorsprung und stützte den Kopf in die Hand. Nach einer Weile sagte Ian, es sei wohl das beste weiterzureiten. Und ich nickte und half ihm aufs Pferd, und wir setzten unseren Weg fort und schwiegen.«
Jamie schien plötzlich zu merken, wie fest er meine Hand umklammerte. Er lockerte seinen Griff, ließ aber meine Hand nicht los und drehte meinen Ehering zwischen seinem Daumen und Zeigefinger.
»Wir sind sehr lange geritten«, fuhr er leise fort. »Und dann hörte ich ein Schluchzen hinter mir, und ich hielt mein Pferd an, so daß Ian mich einholen konnte, und da sah ich, daß er weinte. Und er merkte, daß ich ihn anschaute, und schüttelte heftig den Kopf, als ob er immer noch wütend wäre, doch dann streckte er mir die Hand
hin. Ich nahm sie, und er drückte so fest zu, als wollte er mir alle Knochen brechen. Dann ließ er meine Hand los, und wir ritten nach Hause.«
Ich spürte, wie die Anspannung wich, als er geendet hatte. »Mach’s gut, Bruder«, hatte Ian gesagt, auf einem Bein vor der Schlafzimmertür balancierend.
»Ist jetzt alles gut?« fragte ich.
»Es wird gut werden.« Jamie ließ sich erleichtert auf sein Kopfkissen zurückfallen. Ich schmiegte mich unter der Decke an ihn, und wir sahen den Schneeflocken zu, die gegen die Fensterscheiben prallten.
»Ich bin froh, daß du gesund zurückgekehrt bist«, sagte ich.
Als ich aufwachte, war das Licht noch immer fahl und grau. Jamie stand bereits angekleidet am Fenster.
»Oh, du bist wach, Sassenach?« sagte er, als ich meinen Kopf vom Kissen hob. »Das ist gut. Ich habe dir ein Geschenk mitgebracht.«
Er griff in seine Felltasche und holte mehrere Kupfermünzen hervor, ein paar Steinchen, einen kurzen, mit einer Angelschnur umwickelten Stock, einen zerknitterten Brief und ineinander verknäulte Haarbänder.
»Haarbänder?« fragte ich. »Danke, sie sind sehr hübsch.«
»Nein, die sind nicht für dich«, erwiderte er und runzelte die Stirn, während er die blauen Bänder entwirrte, die sich um die Maulwurfspfote geschlungen hatten - sein Amulett gegen Rheumatismus. »Die sind für Klein-Maggie.« Er betrachtete unsicher die Steinchen in seiner Hand. Zu meiner Verwunderung nahm er eines und leckte daran.
»Nein, der ist es nicht«, murmelte er und griff wieder in die Felltasche.
»Was hast du vor, um Himmels willen?« fragte ich verwundert. Er antwortete nicht, sondern holte noch eine Handvoll Steine hervor, leckte an ihnen und legte einen nach dem anderen beiseite, bis er bei einem Stein innehielt. Er leckte sicherheitshalber daran, dann ließ er ihn, übers ganze Gesicht strahlend, in meine Hand fallen.
»Bernstein«, erklärte er, als ich den unregelmäßig geformten Klumpen unschlüssig hin und her drehte. Er wurde warm bei der Berührung, und ich schloß meine Hand beinahe unbewußt zur Faust.
»Er muß natürlich poliert werden«, fuhr Jamie fort, »aber ich dachte, er gäbe eine hübsche Halskette für dich.« Er errötete leicht
und blickte mich an. »Es ist... es ist ein Geschenk zu unserem ersten Hochzeitstag. Als ich den Stein sah, mußte ich an den kleinen Bernstein denken, den dir Hugh Munro gab, als wir heirateten.«
»Den hab’ ich immer noch«, sagte ich leise und fuhr sanft mit dem Finger über den seltsamen kleinen Klumpen versteinerten Harzes. Hughs Bernstein war auf einer Seite glattgeschliffen - wie durch ein Fenster sah man darin eine Libelle. Ich bewahrte den Stein in meinem Medizinkasten auf und betrachtete ihn
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