Die Herrin Thu
Speisesaals zu beziehen. Und ich gab den Trägern Zeit, sich mit dem Rücken an ihre Sänften zu lehnen und einzunicken. Dann kam ich vom Rasen hoch, kletterte mühelos über die Mauer und überquerte den Hof.
Wie vermutet, hatte sich der Türhüter zurückgezogen. Ich stieß die Haustür auf, betrat das Haus, schloß hinter mir die Tür und schlenderte über den makellos glänzenden, gefliesten Fußboden mit den regelmäßig verteilten weißen Säulen. Nichts hatte sich verändert. Huis elegante Möbel, die Zedernholzstühle mit ihren Intarsien aus Gold und Elfenbein, die kleinen Tische mit den Platten aus blauer und grüner Fayence standen noch immer kunstvoll verstreut. Die Wände erschlugen noch immer mit ihrer Bilderfülle von erstarrten Männern und blumengeschmückten Frauen, die den Becher zum Trunk hoben, neben sich undurchschaubare Katzen und nackte Kinder zu ihren Füßen.
Vor mir, auf der gegenüberliegenden Seite, verlor sich die Treppe im Dunkel, und als ich auf sie zuging, konnte ich zu meiner Rechten Stimmengesumm, Gelächter und Unterhaltung hören, dazwischen die Klänge einer Harfe und Geschirrgeklapper. Ich versuchte erst gar nicht, zu lauschen. Jetzt war ich vollkommen ruhig und kam mir fast unverschämt allmächtig vor. Einer der Diener hatte eine Süßigkeit von seinem Tablett verloren, die hob ich auf und aß sie im Gehen. Es war mir einerlei, daß meine nackten Füße laut auf den Fliesen klatschten, ich bewegte mich zielstrebig und stieg die Treppe hoch. Licht brauchte ich nicht. Diese Treppe war ich so zahllose Male hinauf- und hinuntergegangen - nicht etwa gerannt, denn Disenk erlaubte nicht, daß ich mich anders als gemessen und damenhaft bewegte -, und beim Hochsteigen überfielen mich die Erinnerungen. Ich erreichte den ersten Stock und ging zuversichtlich weiter.
Als ich an der Tür zu meinem früheren Zimmer vorbeikam, stieß ich sie auf. Vor dem Fenster hing keine Matte, und im matten Sternenlicht konnte ich darunter meinen Tisch erkennen, an dem ich gesessen hatte, während Disenk hinter mir lauerte und dafür sorgte, daß ich mich dabei schicklich benahm. Und dann saß sie im roten Sonnenuntergang am Fenster, den Kopf über meine Trägerkleider gebeugt, und flickte die Nähte, die ich aufsässig zerrissen hatte, denn ich ging schlanken Schrittes und hatte nichts für die zierlichen Schrittchen übrig, die sie von mir verlangte. Schließlich hatte Hui mich gescholten, und ich hatte mich widerwillig dem Diktat des vornehmen Benehmens gebeugt.
Das Lager stand noch, jedoch nur der nackte Holzrahmen. Die Matratze, die glatten Laken, die dicken Kissen waren nicht mehr da. Auf dem Fußboden kein Teppich, kein Zeichen, daß es bewohnt war. Einen Augenblick lang bildete ich mir ein, Hui hätte aus Gefühlsduselei angeordnet, den Raum nicht mehr zu benutzen, doch dann lachte ich leise. Thu, du bist noch immer eine eingebildete Närrin, sagte ich zu mir. Hier sind keine inniglichen Gefühle für dich zurückgeblieben. Zwei deiner Beinahe-Mörder sitzen unten, stopfen sich mit erlesenen Speisen voll und beglückwünschen sich zu einem weiteren Komplott, und du bist hier, um dich zu rächen. Werde erwachsen!
Dennoch stand ich dort einige Zeit in beinahe völliger Dunkelheit, spürte einer Erinnerung, und war sie noch so schwach, an das Mädchen nach, das ich einst gewesen war. Doch ich konnte keinen Hauch der Myrrhe riechen, mit der Disenk mich gesalbt hatte, konnte keinen Blick auf hauchdünnes Leinen erhaschen, das im Dunkel aufflatterte, und keinen Nachhall eines Entzückens-, Schmerzens- oder Reueschreis hören. Nur der Raum in seinen Abmessungen vermittelte mir noch Vertrautheit, sonst war alles stumm und gesichtslos geworden. Dabei wollte er mich gar nicht zurückstoßen, doch ich seufzte und ging weiter den Flur entlang, wandte mich von der Treppe ab und nahm die andere Treppe, die zum Badehaus führte. Auch sie lag in völligem Dunkel. Doch im Badehaus selbst, das sich auf einer Seite zu dem kleinen Hof hinten am Haus öffnete, wo eine einzige Palme ihre steifen Wedel spreizte, war es vergleichsweise hell.
Hier holte ich tief Luft, denn der feuchte Geruch, diese Mischung aus parfümierten Ölen und Duftessenzen, weckte nur sinnliche Erinnerungen. Wie lange war es her, daß andere Hände meinen Körper berührt und die so genüßlichen Rituale des Säuberns und Massierens vollzogen hatten? Jeden Tag hatte ich hier auf dem Badesockel gestanden, während Diener mich mit Natron
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