Die Hexen - Roman
im Nacken. Als er sich wieder umdrehte, war sein Gesicht von solchem Kummer und einer solchen Verzweiflung gezeichnet, dass Ravenna erschrak.
»Malaury«, stöhnte er. »Du weißt nicht, was du da verlangst.«
Als der alte Ritter nicht antwortete, kehrte Lucian zu dem Sterbelager zurück. Reumütig sank er auf ein Knie nieder, doch als er nach Malaurys Hand griff, sanken die Stimmen der Mädchen in einem einzigen Akkord ab und verstummten. Durchdringende Stille erfüllte die Halle.
Der alte Ritter war gestorben.
Lucians Gesicht war so weiß wie an jenem Morgen, als Beliars Schwerthieb ihn fast getötet hätte. Unter seinen geschlossenen Lidern rollten Tränen hervor, und als Ravenna nach seiner Hand griff, wandte er das Gesicht ab.
Lautlos traten die Sieben in den Tempel, gefolgt von den übrigen Bewohnerinnen des Konvents. Ravenna sah bekannte Gesichter wieder: Florence und das kleine Mädchen aus dem Kräutergarten, die Wirtschafterin Arletta und die hagere Nonne, die den Reiter nach Ottrott geschickt hatte. Schweigend suchten sich die Schülerinnen ihren Platz in den Bänken.
Die Sieben verteilten sich rings um das Lager, auf dem Malaurys Körper ruhte. Jede Hexe nahm vor der Säule Aufstellung, die mit ihrem Zeichen geschmückt war. Als Josce ihr winkte, stand Ravenna auf.
»Komm«, sagte sie leise und berührte Lucian an der Schulter. Schwerfällig erhob sich der junge Ritter und stellte sich neben sie. Er kehrte ihr die Schulter zu, wollte ihr sein Gesicht noch immer nicht zeigen. Malaury war ein besserer Vater als mein Erzeuger. Dieser Satz hallte in ihren Gedanken nach und sie nahm sich fest vor, Lucian beim nächsten Mal keine Gelegenheit zum Ausweichen mehr zu geben. Dann würde sie ihn nach seiner Vergangenheit fragen: nach seinem Vater, seiner Jugend in Constantins Burg. Und nach einem Mädchen namens Maeve.
»Malaury von Landsberg, der stets gütig und unerschrocken war, und Viviale, geboren in den Wäldern von Brocéliande, aufgezogen und ausgebildet auf dem Odilienberg, von Morrigan angenommen in einer Winternacht auf dem Weg nach Norden, wo sie einer Verwandten im Wochenbett beistehen wollte: Viele Jahre lang habt ihr euren Dienst als Magierin und als Geweihter Gefährte versehen. Für diese Treue gegenüber dem Konvent und dem Zirkel der Sieben sind wir euch zu tiefem Dank verpflichtet.«
Die Stimme der schwarzhaarigen Hexe erfüllte den Raum. Staunend betrachtete Ravenna die junge Frau, die so selbstsicher wirkte. Jeder von Noranis Handgriff saß, wenn sie Magie wirkte. Jetzt umarmte sie Viviale herzlich.
Auch Yvonnes Augen hingen an der jungen Magierin. In ihren Zügen zeigte sich ein derart hungriger Ausdruck, dass Ravennas Herz schneller schlug. Sie hatte nicht gewusst, wie sehr sich ihre Schwester danach sehnte, eine echte Hexe zu sein. Vielleicht hatte sie es auch nicht wahrhaben wollen, denn in ihrer Welt war für Zauberinnen kein Platz. Höchstens im Irrenhaus, fügte sie in Gedanken hinzu.
»Wir sprechen dich von der Verantwortung frei, die du so lange getragen hast«, fuhr Norani fort, wobei sie sich an die ältere Magierin wandte. »Es wird Zeit, die Last deines Amts auf jüngere Schultern zu laden. Nämlich auf meine.«
Ihre Zähne blitzten auf, als sie grinste, und Lachen erschallte in der Runde, das gar nicht zu dem traurigen Abschied von Malaury zu passen schien. Sogar Viviale lächelte. Schweigend löste sie den Schleier und nahm die Haube ab. Nun war sie nichts weiter als eine rundliche Frau um die Fünfzig, die mit offenem Haar und in ein Leinenkleid gehüllt um ihren Gefährten trauerte.
Verstohlen tastete Ravenna nach Lucians Arm. Seine Hand lag erst regungslos und kalt wie Wachs in ihrer, doch dann zuckten seine Finger, er atmete tief durch und erwiderte den Druck ihrer Hand.
Viviale löste den Gurt, an dem die Scheide mit dem Hexenmesser hing, und reichte ihn Norani. Die junge Frau trug denselben katzenhaften Ausdruck in den Augen, der Ravenna schon am Tor aufgefallen war. Norani wirkte wie eine Löwin, die das Schicksal in die Wälder des Nordens verschlagen hatte.
Dann trat Ramon an ihre Seite. Ein allgemeines Raunen ging durch den Saal und auch Ravenna stockte der Atem: Zu gut erinnerte sie sich noch an den Anblick, als der junge Ritter halbtot im Zelt am Rande des Turnierplatzes gelegen hatte, eingehüllt in ein magisches Licht. Es grenzte an ein Wunder, dass er Beliars Angriff überhaupt überlebt hatte, doch dank Neveres Heilkünsten war er nun wieder auf
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