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Die Kaiserzeit von Augustus bis Diocletian

Die Kaiserzeit von Augustus bis Diocletian

Titel: Die Kaiserzeit von Augustus bis Diocletian Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Heinz Bellen
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Rom
     bestätigen zu lassen. Die Akklamation durch die Soldaten – das war künftig der einzig legitimierende Akt (Aur. Vict. de Caes.
     37, 5). Es galt nun im vollen Sinne des Wortes der Grundsatz:
Exercitus facit imperatorem
(Hieron. ep. 146, 6).

Die sich in der Kaiserkür manifestierende Allmacht des Heeres rief zu eben dieser Zeit aber auch ein pazifistisches Gegenbild
     hervor, das sogar dem Kaiser Probus selbst zugeschrieben wurde. Stolz auf seine (noch zu erwähnenden) Leistungen soll er gesagt
     haben, bald werde es überflüssig sein, Soldaten zu halten; die Welt sei befriedet und überall herrschten römische Gesetze.
     Aussicht auf goldene Zeiten eröffnete er damit seinen Zeitgenossen, die sich ausmalten, welche Verbesserungen ihr Leben dadurch
     erführe (Hist. Aug. Prob. 20, 3   –   6 + 23, 2   –   3; Aur. Vict. de Caes. 37, 3). Der so utopisch anmutende Ausspruch des Probus hatte indes einen handfesten Anhalt in der Wirklichkeit.
     Probus setzte die Soldaten in starkem Maße zu Werken des Friedens ein. Sie mußten Berghänge roden, Sümpfe trockenlegen, Kanäle
     bauen, um, wie er sagte, ihr tägliches Brot zu verdienen (Hist. Aug. Prob. 20, 2 + 21, 2; Eutr. 9, 17, 2). Soldaten im Dienste
     der Kultivation – das war doch der Anfang des allgemeinen Friedens, freilich auch der Anfang des Endes für Probus: Die Soldaten
     erschlugen den Mann, der ihnen solches zumutete.
    Der Einsatz des Militärs für ‘zivile’ Zwecke durch Probus war Teil eines großangelegten Programms zur Wiederaufrichtung der
     im ganzen Reich daniederliegenden Landwirtschaft. Einen Schwerpunkt hatte dieses Programm offenbar in Ägypten, wo das Bewässerungssystem
     dringend der Erneuerung bedurfte. Alle Grundbesitzer mußten ihr Teil zu den Arbeiten beitragen (Pap. Oxy. XII 1409). Der Erfolg
     bestand in einer Vermehrung des Ernte- und damit des Steuerertrags (Hist. Aug. Prob. 9, 3). Besondere Aufmerksamkeit wandte
     Probus seiner Heimat Pannonia inferior und dem benachbarten Moesia superior zu. Seine Maßnahmen galten hier vor allem dem
     Weinbau, dem er neue Gebiete erschloß (Eutr. 9, 17, 2). Die Ausdehnung der Rebenkultur war ihm überhaupt ein wichtiges Anliegen.
     Der restriktive Erlaß Domitians (oben S. 101f.) hatte sich |240| längst überlebt. So gestattete Probus auch den Westprovinzen, unbeschränkt Wein anzubauen (Hist. Aug. Prob. 18, 8). Den Hintergrund
     der veränderten Einstellung zum Weinbau bildete die unübersehbare Tatsache, daß in Italien immer mehr Weinberge verödet liegengelassen
     wurden (vgl. Hist. Aug. Aur. 48, 2), so daß dem provinzialen ‘Ersatz’ zwangsläufig eine andere Bedeutung zufiel.

Das stetig und überall zunehmende Ödland forderte seit langem staatliche Maßnahmen geradezu heraus. Man hatte im Hinblick
     auf die Besteuerung den Ausweg gefunden, die Städte für
agri deserti
auf ihrem Territorium haftbar zu machen (Cod. Iust. 11, 59, 1). Nun gab es aber auch ganze Landstriche, die durch feindliche
     Einfälle von Bewohnern entblößt, also zu
agri deserti
gemacht worden waren. Sie wieder unter den Pflug zu nehmen, waren neue Siedler erforderlich. Probus scheint dieses Problem
     in vollem Umfang erkannt zu haben. Jedenfalls reagierte er entsprechend. Er siedelte 100   000 germanische Bastarner, die sich durch die Goten an der unteren Donau bedroht fühlten, in Thrakien an (Hist. Aug. Prob.
     18, 1). Auch von Franken ist die Rede, denen er hier oder in Moesia inferior Land zuteilte (Zosim. 1, 71, 2). Im Westen sah
     Probus sich einer ähnlichen Situation gegenüber: Vor allem die Provinz Gallia Belgica hatte durch Germaneneinfälle schwer
     gelitten. Nach den Kämpfen der Jahre 277   /   8 (s. u.) gab er gefangengenommenen oder freiwillig zu ihm übergetretenen Germanen die Möglichkeit, verlassenes Land im nördlichen
     Gallien in Besitz zu nehmen und sich auf ihm als Siedler und Krieger (Laeti) zu bewähren (vgl. Hist. Aug. Prob. 15, 2).
    Gallien hatte nach dem Tode Aurelians (275) einen Germanensturm schlimmsten Ausmaßes über sich ergehen lassen müssen. Sowohl
     die Franken am Niederrhein als auch die Alamannen am Oberrhein drangen mit immer neuen Scharen in das Land ein und machten
     es zu ihrem Raubgebiet. Man konnte geradezu sagen, Gallien sei von ihnen besetzt (Eutr. 9, 17, 1). An die 60 Städte fielen
     in ihre Hand (Hist. Aug. Prob. 13, 6) und wurden zum Teil zerstört; Trier befand sich unter ihnen. Die in dieser Zeit vergrabenen
     Münzschätze erreichten eine

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