Die Ketzerin von Carcassonne: Historischer Roman (German Edition)
wird? « , fragte sie mit leicht enttäuschter Stimme. Adelind setzte sich an ihre Näharbeit.
» Natürlich ist das eine Erleichterung « , murmelte sie und rückte näher zum Fenster, um mehr Licht zu haben. Aber wenn sie nun ohne Consolament starb, überlegte sie, dann würde ihre Seele in einen anderen Körper wandern, was ein neuer Anfang wäre, eine Möglichkeit, mehr in dieser Welt zu finden als reine Zufriedenheit. Dann rief sie sich die ausgezehrten, mit Schorf und Ausschlag überwucherten Gesichter jener Mädchen in Erinnerung, die hier täglich eintrafen, um Almosen zu empfangen. Erschienen sie öfter, so versuchte Adelind, ihnen Arbeit in der domus zu beschaffen, und drängte sie, auch am Unterricht teilzunehmen, obwohl sie nicht wusste, ob ihnen die Kenntnis der Schrift irgendwann wirklich nützlich sein würde. Doch in der domus aufgenommen zu werden bedeutete für sie die Befreiung aus einem Dasein, das nur aus Hunger und Schlägen bestand. Das Leben gönnte den meisten Menschen noch viel weniger Freuden als ihr. Es war anmaßend, ja fast sündhaft, über ihr Schicksal zu klagen.
» Adelind. «
Hildegard hatte einen Schemel an sie herangerückt und setzte sich nun zu ihr. Auf ihrem Schoß lag Lutz, eine kleine schwarz-weiße Katze, die vor einigen Wochen in der domus eingezogen war. Zwar gab es keine Überreste von Fleisch, die ihr unter dem Tisch zugeworfen werden konnten, doch reichten die Mäuse in den Vorratsräumen wohl aus, um sie am Leben zu halten. Hildegard kraulte ihre Ohren, wodurch sie dem schmächtigen Körper ein lautes Schnurren entlockte. Die beiden zarten Wesen mochten einander.
» Das ist eine hübsche Puppe. Für wen ist sie? « , fragte Hildegard nun.
» Für Mabile. Sie ist ungefähr dreizehn Jahre alt, weiß es selbst nicht genau. Ihre Mutter starb in einem der Freudenhäuser der Stadt. Danach ist sie von dort geflüchtet und lebt seitdem bei den Bettlern. Ich konnte sie überreden, einmal am Unterricht teilzunehmen, und es gefiel ihr, daher kommt sie immer wieder, wenn sie kann. Sie ist sehr gescheit, ich will sie jetzt in der Küche aushelfen lassen und hoffe, dass sie hierbleiben wird. «
Hildegards Blick wanderte zwischen der Puppe und dem geöffneten Fenster hin und her, während Lutz ihr nun einen weißen Bauch entgegenstreckte, der gekrault werden wollte. Der Geruch von gerösteten Nüssen drang herein. Sie hörten, wie ein Händler draußen seine Ware anpries.
» Es ist bewundernswert, wie du dich für solche Kinder einsetzt « , redete Hildegard weiter. » Mir machen Bettler, egal welchen Alters, immer noch ein wenig Angst. Ich muss dann an diese schrecklichen Tage denken, nachdem man uns aus dem Kloster geworfen hatte. «
Sie hob Lutz hoch und drückte ihn an sich. Eine spitze rosafarbene Zunge glitt über ihr Kinn. Hildegard lächelte verzückt. Der Umstand, dass diese Katze ebenfalls als bettelndes Waisenkind zu ihnen gekommen war, störte sie nicht, da Lutz ihr unschuldig schien.
Adelind begann, Stroh in die fertige Hülle der Puppe zu stopfen, und überlegte gleichzeitig, ob sie ihr ein fröhliches oder ernstes Gesicht aufsticken sollte.
» Wir haben erst damals wirklich begriffen, wie es den Armen dieser Welt ergeht « , meinte sie zu Hildegard, die stumm nickte und wieder eine Weile aus dem Fenster starrte, obwohl dort nichts weiter zu sehen war als die Fassade des Hauses gegenüber. Die Gassen von Carcassona sperrten den Himmel fast gänzlich aus, wie Adelind es bereits in Köln gesehen hatte.
» Ich muss dir etwas sagen, Adelind « , begann Hildegard auf einmal sehr leise und schubste die Katze von ihrem Schoß. Lutz maunzte empört, dann huschte er hinaus. Hildegard blickte ihm eine Weile versonnen hinterher, bevor sie nochmals zum Reden ansetzte.
» Es geht um etwas, das schon viele Jahre zurückliegt und… und eigentlich ist es nicht mehr wichtig, ich meine, es ist sicher kein Grund, sich aufzuregen. « Adelind blickte auf. Hildegards Augenlider zuckten, und ihre Finger verknoteten sich, was eine durchaus aufwühlende Neuigkeit ankündigte.
» Nun? « , fragte Adelind.
» Ich möchte es dir sagen, weil es zwischen uns keine Geheimnisse mehr geben soll, wenn wir das Consolament empfangen. Ich möchte meine Seele von aller Schuld befreien, bevor mich das Licht des Heiligen Geistes erfüllt. «
Adelind unterdrückte einen Seufzer. Ihre Schwester war schon immer von einer fast kleinlichen Gewissenhaftigkeit gewesen. Wahrscheinlich würde sie nun in
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