Die Ketzerin von Carcassonne: Historischer Roman (German Edition)
Pferden, Zelten, Rammböcken und Männern verstellt. Rote Kreuze strahlten auf einstmals weißen, inzwischen schon verschmutzten Wappenröcken, unter denen sich die Kettenhemden der Ritter verbargen, Fahnen mit verschiedenen Wappen hingen fast reglos, da es windstill war, und überall blendete das im Sonnenlicht glänzende Metall von Waffen und Helmen erschöpfte Augen. Kurz wurde Adelind schwindelig vor Angst.
» Sie werden uns töten « , hörte sie Samuel im Hintergrund murmeln. » Sobald wir alle draußen sind, schlachten sie uns ab. «
» Sobald wir draußen sind, können wir fliehen. Lauf mir einfach immer hinterher. Ich weiß, wo man sich hier in der Gegend gut verstecken kann « , entgegnete Mabile sogleich. Vermutlich musste man Gefahren ignorieren können und auf die eigenen Fähigkeiten vertrauen, um als Gauner Erfolg zu haben.
Rosa schob sich als erste der sociae durch das Tor und stützte dabei Ursanne. Olivette eilte sogleich hinterher, um der blinden Perfacha ihre Hilfe anzubieten, sobald wieder genug Platz für drei Menschen nebeneinander war. Adelind folgte, ihre Finger eng um die Hildegards gekrallt, als hätte es nie einen Zwist zwischen ihnen gegeben. Sie sahen, dass die berittenen, mit Waffen behängten Männer einen Gang formten, durch den alle Einwohner Carcassonas gehen mussten. Pferde schnaubten, Gelächter erklang, und ein paar faule Früchte wurden geworfen. Die Menschen duckten sich, blieben still und schlichen weiter. Adelind schöpfte Hoffnung, denn irgendwann musste das Heer ein Ende haben, und sie wären erst einmal von seiner Gegenwart erlöst.
Ein Stück vor ihr streckte ein Fußsoldat die Hand aus und packte eine Kette, die am Hals einer jungen Frau hing. Er schrie etwas in einer unverständlichen Sprache, während er seine Beute in die Höhe hielt. Adelind erinnerte sich an das Verbot, irgendwelche Besitztümer mitzunehmen. Leider lag in Hildegards freier Hand ein Korb, und in dem steckte Lutz, aber warum sollte man sie wegen einer gewöhnlichen Katze belangen?
Die Frau stieß einen Klagelaut aus und wollte nach dem Schmuck greifen, der ein Erinnerungsstück sein musste. Der Soldat packte ihren ausgestreckten Arm, brüllte wieder etwas und zerrte sie zu sich, während andere Männer bereits an ihrem Gewand zu reißen begannen. Die Menschenschlange erstarrte kurz vor Schreck, die ersten lauten Gebete erklangen, und Adelind sah sich panisch um, ob es irgendeine Möglichkeit gab, durch dieses Dickicht von Menschenleibern und Pferdebeinen zu laufen. Sie zweifelte nicht, dass die Soldaten Christi sich in reißende Wölfe verwandeln würden, sobald sie das erste Blut geleckt hatten, da hörte sie auch schon einen gellenden Schmerzensschrei, doch stammte er aus einer männlichen Kehle. Einer der Ritter hieb mit einer Gerte fluchend auf die Fußsoldaten ein, bis sie ihr Opfer wieder losließen. Dann packte er die weinende Frau und stieß sie wieder zu den Flüchtlingen zurück, so grob, dass sie ins Taumeln geriet. Mehrere Leute wurden angeschubst und streckten hilfesuchend die Hände aus, um sich an anderen Körpern festzuhalten. Adelind beobachtete, wie zwei kleine Kinder stolperten, aber von ihrem Vater sogleich wieder hochgezerrt wurden. Der Gewürzhändler redete beruhigend auf seine nun laut schluchzende Gemahlin ein und versuchte, sie rasch weiterzuziehen. Sie selbst zählte nochmals alle Häupter, die zu ihr gehörten, und atmete dann erleichtert auf. Das Heer schien tatsächlich sein Wort zu halten, und bald schon würde es hinter ihnen am Horizont verschwinden.
Dann sah sie Ursanne stürzen, ohne erkennen zu können, ob die alte Perfacha gestolpert oder von anderen Leuten gestoßen worden war. Olivette musste kurz unaufmerksam gewesen sein, vermutlich abgelenkt von den letzten Ereignissen, und Rosa allein schaffte es nicht, die blinde Frau zu halten. Ursanne streckte hilflos die Hände aus, ertastete die Mähne eines wuchtigen Schlachtrosses ein Stück neben ihr und klammerte sich daran fest. Sie fiel tatsächlich nicht zu Boden, das Pferd schnaubte nur und bewegte leicht den Kopf. Rosa war es bereits gelungen, sie zu stützen, als ein eisenbeschlagener Fuß mit voller Wucht Ursannes Brust traf. Sie strauchelte nochmals und vermochte sich nun nicht mehr auf den Beinen zu halten. Da die anderen Flüchtlinge erschrocken zur Seite gewichen waren, schlug sie als mageres Bündel von Knochen auf dem Boden auf. Adelind bückte sich gemeinsam mit Rosa und Olivette, um ihr beim
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