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Die Kriegerin der Kelten

Die Kriegerin der Kelten

Titel: Die Kriegerin der Kelten Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Manda Scott
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Fingerspitzen an die Seiten seiner Beine, damit wenigstens seine Hände nicht zitterten.
    »Und, habt Ihr in der Zwischenzeit ein wenig geruht und Euch etwas gestärkt?«, fragte der Gouverneur schließlich.
    »Ja.« Das war zwar eine Lüge, aber immerhin nur eine kleine Lüge, verglichen mit dem riesigen Berg an Verrat, den Flavius oder irgendeiner der anderen von Corvus’ persönlichem Gefolge nun über ihm zusammenstürzen lassen würde. Irgendeiner jener zwanzig, die mit ihm in die Siedlung der Eceni geritten waren, und von denen acht dem Meer beziehungsweise den Träumern zum Opfer gefallen waren. Ihnen allen hatte er sein Leben anvertraut und sie ihm. Corvus bemühte sich also, jetzt nicht darüber nachzudenken, wer sonst, außer Flavius, ihn womöglich noch verraten würde - derlei Gedanken spiegelten sich nur allzu leicht auf dem Gesicht eines Mannes wider.
    »Gut.«
    Der Gouverneur schob seinen Stuhl ein Stück vom Tisch zurück, erhob sich und stützte sich mit beiden Händen auf die eichene Tischplatte. Der Schreiber, den Corvus insgeheim regelrecht verabscheute, saß in dem trüben Zwielicht hinter Paulinus, bereit, den Urteilsspruch zu protokollieren.
    Der Gouverneur nahm eine der vor ihm auf dem Tisch stehenden Lampen auf und stellte sie dann auf ein kleines Podest dicht neben der Zeltwand, sodass die Schatten sich streckten und man den Schreiber kaum mehr erkennen konnte. Anschließend kehrte Paulinus wieder zurück zu seinem Platz hinter seinem Stuhl. Bis auf das Schlurfen seiner Füße über die mit dem Schleim der Fäulnis überzogenen Binsen auf dem Boden herrschte Totenstille im Zelt.
    Doch das Licht der kleinen Laterne auf dem Podest ließ auch die scharfen Züge des Gouverneurs noch deutlicher hervortreten, und mit einem Mal begriff Corvus, dass er diesen Mann im Grunde überhaupt nicht kannte. Von allen Gouverneuren, denen er bisher gedient hatte, war Suetonius Paulinus der Einzige, bei dem Corvus sich nicht die Zeit genommen oder die Mühe gemacht hatte, sich in dessen Wesen hineindenken zu wollen.
    Dennoch waren die Vorlieben von Paulinus natürlich allgemein bekannt. Neben dem kurzweiligen Zeitvertreib, den die Hunde und der junge Hundeführer ihm boten, liebte der Gouverneur die Gesellschaft von Agricola, der dessen Zelt bereits geteilt hatte, seit sie beide das erste Mal in den Westen ausgesandt worden waren. Ebenso bekannt waren Paulinus’ Abneigungen, zu denen zum einen die Unordnung und zum anderen die Ineffizienz zählten - beide bestimmten bedauerlicherweise das Leben eines jeden Mannes im Dienst der Legionen - und natürlich die Erinnerungen an jenen bereits lange zurückliegenden Feldzug mitten im Atlasgebirge, das nach ihrer aller Ansicht das Dach der Welt darstellte. Sogar über die näheren Einzelheiten dieser unliebsamen Facetten in Paulinus’ Leben wusste man in den Legionen unter seinem Befehl gut Bescheid. Und dennoch sagte einem dieses Wissen noch nichts über jene Dinge, die seine Kindheit und seine Jugend geprägt hatten, verrieten einem nichts über die Männer, die er bewundert hatte, und über jene, die er verachtete, jene, die noch immer seine Ideen beflügelten und an deren Anerkennung ihm gelegen war und deren Missbilligung ihn verletzte.
    Viel zu spät erst erkannte Corvus, dass ihm all dieses Wissen fehlte und dass dies genau jener Informationsvorsprung war, der ihm schließlich das Leben hätte retten können. Der Druck in seinem Schädel nahm kaum mehr erträgliche Ausmaße an. Im Stillen fragte er sich, ob er nun wohl in Ohmacht fallen würde und ob das vielleicht noch irgendetwas an seinem Schicksal ändern könnte.
    Der Gouverneur senkte den Blick auf seine eigenen, verschränkten Hände. Seine Finger waren fein wie die eines Künstlers, die Nägel ordentlich gekürzt und sehr sauber. Und man musste wahrlich eine Menge Zeit aufbringen, um dies auch während eines Feldzugs zustande zu bringen. Von allen anwesenden Offizieren konnte allein Corvus mit vergleichbar sauberen Nägeln aufwarten, wenngleich dies natürlich einzig und allein daran lag, dass er den größeren Teil des Tages im Wasser verbracht hatte. Allerdings war ihm die Erinnerung an die Durchquerung der Meerenge gerade in diesem Moment keine große Hilfe.
    »Ich habe unserem Gast, Velocatos, soeben von Eurem Versagen bei der Eroberung Monas berichtet«, ergriff Paulinus wieder das Wort. »Er ist der Ansicht, dass ein Mann, der so etwas verbrochen hat, prinzipiell nicht am Leben bleiben

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