Die Landkarte der Zeit
nicht mit
irgendeinem menschlichen Körper zu tun hatte, dass der tiefsitzende Hass des Jungen auf die Maschinenmenschen ihn unauflöslich
mit dem Leben verband.
Dieser Hass jedoch ging nicht auf den Aufstand der Maschinenmenschen zurück, und auch nicht auf die grausame Ermordung seiner
Eltern und Geschwister oder die wahnsinnige Zerstörung des Planeten; nicht einmal auf die abscheuliche Gleichgültigkeit, mit
der Salomon auf ihn |315| geschossen hatte. Nein, es war ein Hass, der viel weiter zurückging; ein Hass, der in der Vergangenheit wurzelte. Es war ein
alter und unauflöslicher Hass, der sich durch die Jahrhunderte zog, der durch das Astwerk des Stammbaums bis zum Vater seines
Urgroßvaters reichte, dem ersten Shackleton, der sein Leben durch einen Maschinenmenschen verlor. Sie haben vielleicht von
dem Türken oder von Mephisto gehört oder von Schachautomaten, die vor einigen Jahrzehnten in Mode waren. Wie diese war auch
Dr. Phibes ein Automat, der die tiefsten Geheimnisse des Schachspiels kannte, als hätte er dieses selbst erfunden. Angetan mit
einem orangefarbenen Dreireiher, einer grünen Fliege und einem blauen Hut, forderte Dr. Phibes die Besucher von Jahrmärkten auf, sich zu ihm an den Schachtisch zu setzen, und schlug ihnen ein Spiel um vier Schillinge
vor. Die Unbarmherzigkeit, mit der er seine männlichen Gegner mattsetzte, und die ausgesuchte Höflichkeit, mit der er sich
von den Damen besiegen ließ, machten ihn zu einer Berühmtheit, mit der alle Welt sich messen wollte. Sein Konstrukteur, ein
Erfinder namens Alan Tyrrell, rühmte sich sogar, dass sein Geschöpf keinen Geringeren als den Schachweltmeister Michail Tschigorin
besiegt hatte.
Das lukrative Wandern von Jahrmarkt zu Jahrmarkt fand jedoch ein jähes Ende, als einer seiner Gegner sich nicht damit abfinden
wollte, dass die hochmütige Automatenpuppe ihn mit fünf Zügen mattsetzte und ihm nach der Niederlage auch noch höflich den
hölzernen Arm bot. Rasend vor Wut zog der Kerl einen Revolver aus der Tasche und schoss, bevor der Budenbesitzer eingreifen
konnte, dem mechanischen Menschen mitten in die Brust, sodass |316| eine Wolke von orangefarbenen Holzsplittern aufstob. Das Krachen des Schusses vertrieb das entsetzte Publikum, und der Täter
verschwand im Tumult, bevor der Budenbesitzer ihn für den entstandenen Schaden haftbar machen konnte. Nur Sekunden nach dem
Vorfall fand er sich ganz allein mit einem etwas schräg auf dem Stuhl hängenden Dr. Phibes in seiner Jahrmarktsbude. Er dachte gerade darüber nach, wie er Mr. Tyrrell den Vorfall erklären sollte, als er etwas sah, das ihn völlig aus der Fassung brachte. Dr. Phibes lächelte immer noch sein gewohntes Lächeln, doch aus dem Loch in seiner Brust tropfte Blut. Erschüttert ob dieser Entdeckung,
zog der Budenbesitzer den Vorhang zu und näherte sich dem Automaten. Als er die Puppe vorsichtig untersuchte, entdeckte er
an ihrer linken Hüfte einen Riegel. Er schob ihn zurück und konnte Dr. Phibes danach aufklappen wie einen Sarkophag. In seinem Innern fand er, blutend und in den letzten Zügen liegend, den Mann,
mit dem er monatelang gearbeitet hatte, ohne von dessen Existenz etwas zu ahnen. Es handelte sich um Miles Shackleton, einen
armen Teufel, der sich, nicht wissend, wie er seine Familie durchbringen sollte, auf die betrügerische Arbeit eingelassen
hatte, die Tyrrell ihm anbot, als der sein Schachgenie erkannte. Der Erfinder meldete den Vorfall nicht einmal der Polizei,
aus Angst, wegen Betrugs eingesperrt zu werden. Den Budenbesitzer brachte er mit einer hübschen Summe Geldes zum Schweigen,
und das Loch im Körper von Dr. Phibes verschloss er mit einer Eisenplatte, die den neuen Bewohner der Puppe vor zukünftigen Amokläufern schützen sollte.
Miles’ Ersatzmann bewegte sich auf dem Schachbrett jedoch weit weniger geschickt als sein Vorgänger, und so schwand der Ruhm
des |317| Dr. Phibes, bis er schließlich ganz erlosch, gerade so, als habe er es dem armen Miles Shackleton gleichtun wollen, der einfach
vom Angesicht der Erde verschwunden und wahrscheinlich zwischen zwei Jahrmärkten irgendwo in einen Graben geworfen worden
war. Als die Familie aus dem Munde des Jahrmarktsbudenbesitzers vom traurigen Schicksal ihres Ernährers erfuhr, beschloss
sie, sein Andenken auf die einzig mögliche Art und Weise lebendig zu halten, indem sie seine unglückliche Geschichte von Generation
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