Die Landkarte des Himmels
der schneller gewesen war. Er selbst hatte nie einen Fluchtversuch unternommen. Wohin sollte er fliehen, wenn die ganze Erde ein einziges Gefängnis war? Soweit er wusste, gab es nirgends auch nur einen Rest von menschlichem Widerstand. Und er brauchte bloß einen Blick auf seine nach unten schlurfenden Mitgefangenen zu werfen, um zu erkennen, dass sich auch unter ihnen nie eine Widerstandsgruppe bilden würde.
Unten angekommen, warf Charles einen Blick über die Schulter. Von unten gesehen sah ihr Gefängnis aus wie ein aufrecht hingestellter eiserner Kasten. Wie jeden Morgen begaben sie sich zu den Verpflegungsautomaten am Rande des Trichters. Im Grunde waren sie sogar direkt mit dem Trichter verbunden, weshalb es naiv gewesen wäre, zu glauben, sie befänden sich rein zufällig dort, wenngleich Charles schon seit langem aufgehört hatte, über das Grauen nachzudenken, welches sich daraus ergab. Mit etwas Phantasie sahen die Futterautomaten aus wie überdimensionale Pilze. Sie waren mehrere Meter hoch und wurden von einer mit glänzenden Schuppen bedeckten Haube gekrönt. Ihr Stiel bestand aus einem langen, schlanken Rohr, das ein Mensch mit den Armen hätte umfassen können. Um das Bild einer irdischen Pflanze zu vervollständigen, besaßen sie metallische Wurzeln, die sich wenige Zentimeter vom Trichterrand entfernt in die Erde bohrten, obwohl mindestens ein Dutzend von ihnen wie eiserne Lianen an den Stielen emporrankten. Sie fügten sich aus Hunderten von winzigen, knorpelartigen Gelenken zusammen und schwankten auf halber Höhe frei in der Luft. Ihre Enden bestanden aus einer gezahnten, mundartigen Öffnung. Wenn die Gefangenen ihre Näpfe unter diese grotesken, an fleischfressende Pflanzen erinnernden Speier hielten, begannen diese zuckend einen grünlichen Brei hervorzuwürgen. Das war die Nahrung der Gefangenen.
Nachdem er einige Minuten in der Schlange gewartet hatte, konnte Charles seinen Napf füllen und setzte sich damit abseits auf einen Stein. Rasch löffelte er den Brei in sich hinein und versuchte, seine Geschmacksnerven dabei auszuschalten. Das war die einzige Methode, die er gefunden hatte, um den Marsmenschenfraß hinunterzuwürgen, ohne sich zu übergeben. Wenn er überhaupt aß, dann nur deswegen, weil er jetzt sein Tagebuch schrieb und sich nicht vom Tod überraschen lassen wollte, bevor er es beendet hatte. Während Charles sich zwang, den ekelhaften Brei hinunterzuschlucken, ließ er seinen Blick auf der Suche nach Shackleton umherschweifen. Er konnte ihn aber weder unter den in Grüppchen beisammenstehenden Gefangenen entdecken, noch allein irgendwo sein Frühstück verzehren sehen, woraus er schloss, dass man den Hauptmann an diesem Morgen ins Frauenlager gebracht hatte, damit er dort seinen Samen pflanzte.
Sie hatten nur wenige Minuten fürs Frühstück, dann trieben die Marsleute sie wieder zur Arbeit auf den Bau des Luftklärwerks. Charles wischte seinen Napf aus und warf ihn zu den anderen. Auf dem Weg zum Bau beobachtete er das Dutzend Wächter, die die heranschlurfenden Gefangenen mit mürrischen Mienen musterten. Ihre Gesichter waren kaum zu erkennen, da Münder und Nasen von Kupfermasken bedeckt wurden, die als Luftfilter dienten, doch sonst bewegten sie sich und sahen aus wie Menschen. Anfangs hatte er das für ein nettes Entgegenkommen gehalten, bis ihm jemand erklärt hatte, dass sie das nicht taten, um ihnen die Furcht zu nehmen, sondern um sicherzugehen, dass sie auch verstanden wurden, wenn sie Befehle erteilten oder fluchten.
Charles arbeitete in den oberen Etagen der Pyramide, wo er mit einem Dutzend anderer Gefangener lange, schwere Stahlträger schleppte. Er arbeitete ohne Pause, abgesehen von kurzen Momenten, wenn ihn ein Hustenanfall beiseitezutreten zwang und er den Boden an der Stelle mit einem leicht grün gesprenkelten blutigen Auswurf markierte. Die anderen hatten nur mitleidige oder gleichgültige Blicke für ihn übrig, wenn das passierte, und in diesen Momenten empfand er nichts als tiefe Verachtung für sie. Charles sah sich nicht auf einer Stufe mit den übrigen Gefangenen, was aber nichts mit einer höheren Stellung in der Gesellschaft zu tun hatte. Zwei Jahre waren mehr als ausreichend gewesen, um die Gefangenen gleichzumachen, um Unterschiede zwischen Arm und Reich zu verwischen und einen Haufen heruntergekommener, stinkender Männer aus ihnen zu machen, die sich nur noch durch ihre Manieren voneinander unterschieden, und manchmal nicht einmal mehr
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