Die Letzte Spur
Du sagst, ich war schon weiter? Ja, verdammt, das war ich. Als Elaine bei mir war. Als wir zusammen in unserem Elternhaus lebten. Als ich nicht Tag für Tag diese Krüppel hier sehen und diese penetranten Schwestern ertragen musste. Als ich eine Heimat hatte und einen Menschen, der zu mir gehörte. Als ich geschützt war vor einer Einrichtung wie dieser hier. Und weißt du, warum ich will, dass dieser Scheißkerl Marc Reeve endlich ein Geständnis ablegt? Weil ich dann weiß, wirklich weiß, dass Elaine ermordet wurde. Es bringt sie mir nicht zurück. Aber ich habe dann die Gewissheit, dass sie mich nicht freiwillig verlassen hat. Kannst du das begreifen? Mich bringt der Gedanke um, sie könnte weggelaufen sein. Mich im Stich gelassen haben. Mir das hier alles angetan haben.«
In seinen Augen standen Tränen. Und Cedric begriff. Begriff zum ersten Mal in vollem Ausmaß, weshalb Geoffrey so dringend einen Schuldigen brauchte. Warum er Marc Reeve unter Anklage sehen wollte. Sein Seelenfrieden hing davon ab, und damit auch sein ganzes weiteres Leben.
»Aber Rosanna arbeitet munter in die andere Richtung«, fuhr Geoffrey fort. »Hast du sie bei diesem unseligen Fernsehauftritt gestern gesehen? Heiliger Himmel, inbrünstiger ist ein Verbrecher nie verteidigt worden. Ich dachte, ich kann meinen Ohren nicht trauen. Den Mund hat sie sich fusselig geredet bei dem Versuch, Reeve als einen Heiligen darzustellen, dem bitteres Unrecht zugefügt worden ist. Warum, verflucht, tut sie das? Was hat sie mit diesem Reeve? Weißt du da etwas? Lässt sie sich vögeln von ihm?«
»Ich … nein, ich glaube nicht«, sagte Cedric perplex.
Geoff lachte. »Würde mich nicht wundern. Ich bin ganz gut darin, Schwingungen aufzunehmen, weißt du? Wenn man so lahm ist wie ich, entwickeln sich andere Sinne dafür recht ordentlich.«
»Und wenn Reeve tatsächlich unschuldig ist?«, fragte Cedric.
Geoff setzte zu einer heftigen Entgegnung an, aber Cedric unterbrach ihn sofort. »Moment. Ich sage das nicht nur so dahin. Stell dir vor … stell dir nur einmal vor, Elaine würde plötzlich wieder auftauchen!«
»Nach fünf Jahren. Das ist ja wohl mehr als unwahrscheinlich. «
»In den fünf Jahren hat niemand nach ihr gesucht. Es konnte sich also auch nichts bewegen. Aber gestern war ja nun diese Fernsehsendung …« Er hielt inne. Er war nicht sicher, ob es Rosanna recht wäre, wenn er Northumberland und den ominösen Anrufer erwähnte. Ihr Telefongespräch vorhin im Auto war zu kurz und zu bruchstückhaft gewesen, als dass sie sich in dieser Frage hätten austauschen können. Cedric vermutete, dass Rosanna den noch ungeklärten Hinweis vorläufig eher unter Verschluss halten wollte. Andererseits, was konnte schon geschehen, wenn Geoffrey davon erfuhr? Unternehmen konnte er nichts. Und selbst wenn er die Information im Pflegeheim herumerzählte – wen würde es schon interessieren?
Geoff war nun aufmerksam geworden. »Ja? Was war mit der Fernsehsendung? Hat sich etwas ergeben?«
»Es ist noch völlig unklar«, sagte Cedric. Er kam sich vor wie ein altes Tratschweib. Warum erzählte er Geoff von dieser Sache? Rosanna würde nicht begeistert sein, und in Geoff entfachte er womöglich eine Hoffnung, die sich am Ende wieder zerschlug. Aber er tat es, um sich selbst einen kleinen Freiraum zu verschaffen. Um Geoffrey irgendetwas hinzuwerfen – wie einem Hund einen Knochen –, damit man ihn leichteren Herzens wieder allein lassen konnte. Das Heim, Geoffrey, dessen Zustand, dessen Depressionen schnürten Cedric die Luft ab. Er wusste nicht, wie er sich verabschieden und gehen sollte. Den einst besten und engsten Freund aus Jugendtagen dabei in dieser Hölle zurücklassend. Ihn verlangte es verzweifelt danach, ihm etwas zu schenken, das ihn beschäftigen, das ihn aus seiner Verzweiflung wenigstens ein kleines Stück weit herausholen würde.
Was bin ich nur für ein Feigling, dachte er resigniert.
»Ich weiß nicht viel darüber«, baute er vor, »aber offenbar hat Rosanna einen Anruf von einem Fernsehzuschauer bekommen. Aus irgendeinem Kaff in Northumberland – Langbury, glaube ich. Er behauptet, Elaine zu kennen. Sie lebt dort als seine Nachbarin oder so ähnlich.«
Geoff starrte ihn an.
»Was? Elaine? In Northumberland?«
»Kann natürlich ein Irrtum sein. Eine zufällige Namensgleichheit. Eine optische Ähnlichkeit. Oder der Anrufer ist ein Wichtigtuer. Dann wäre gar nichts dahinter. Trotzdem …«
»Es gab viele solcher Anrufe, nachdem
Weitere Kostenlose Bücher