Die Letzte Spur
gesagt. »Rob ist nichts passiert, Dennis. Er war bei der Party, er weiß, dass er deswegen Stress mit dir bekommen wird, und nun zieht er es vor, das Wochenende bei einem Freund zu verbringen.«
»Ich war bei seinen Freunden. Dort ist er nicht.«
»Du warst mit Sicherheit nicht bei allen seinen Freunden. Du kennst ja nur zwei oder drei von ihnen!«
Nach ein paar Sekunden des Schweigens, in denen Dennis nur schwer geatmet hatte, hatte sie hinzugefügt: »Das ist kein Vorwurf, Dennis. Ich kenne auch nicht alle seine Freunde. Rob ist ja auch nicht besonders mitteilsam.«
»Du hast also nicht vor, jetzt zurückzukommen?«, hatte Dennis gefragt.
Sie hatte einen Blick auf Marc geworfen, der starr geradeaus blickte und ihr das Gefühl vermittelte, dem Gespräch nicht zu lauschen – auch wenn ihm natürlich gar nichts übrig blieb, als genau das zu tun.
»Dennis, ich kann jetzt nicht zurückkommen. Ich habe hier einen Auftrag angenommen. Du weißt, dass das ein paar Wochen dauert.«
»Mein Sohn ist verschwunden und …«
»Ihr hattet einen Riesenkrach, und er hat keine Lust, nach Hause zu kommen. Ich glaube wirklich nicht, dass mehr passiert ist.«
»Du müsstest doch inzwischen genug Recherche betrieben haben. Diese verdammte Serie kannst du doch auch hier schreiben!«
»Nein, das kann ich nicht. Es haben sich gerade ganz neue Hinweise ergeben, und … ach, Dennis, bitte mach es mir doch nicht so schwer. Ich kann jetzt nicht zurückkommen. Ich kann nicht eine Sache, auf die ich mich nun einmal eingelassen habe, einfach abbrechen. Das würdest du auch nicht tun.«
»Es geht um meinen Sohn!«
»Mit dem du den Streit selbst herbeigeführt hast! Warum musstest du ihm verbieten, zu diesem Fest zu gehen?« »Weil es gefährlich ist.«
»Du kannst ihn nicht festbinden. Er ist sechzehn. Die Jungs in dem Alter drängen nach draußen. Das ist normal. Klar hat man Angst um sie. Aber Rob ist nicht leichtsinnig. Ich glaube, du machst dir immer viel zu viele Gedanken um ihn.«
»Du kommst also nicht«, stellte Dennis fest. Seine Stimme klang ausdruckslos, aber Rosanna wusste, dass sie das immer tat, wenn er besonders wütend war.
»Ich komme jetzt nicht. Halte mich auf dem Laufenden, okay? Sollte es wirklich Probleme geben, werde ich natürlich …«
Sie kam nicht weiter. Dennis hatte den Hörer aufgelegt.
Sie hatte mit Marc nicht über das Gespräch mit Dennis reden wollen und war dankbar gewesen, dass er dies offenbar spürte und keine Fragen stellte.
Jetzt, in Langbury, dachte sie: Ich kann im Moment nicht aus der ganzen Sache aussteigen! Wenn es bis Montag keine Spur von Rob gibt, muss ich mir etwas überlegen, aber nun will ich wissen, was mit Elaine ist. Und ich kann nur hoffen, dass …
»Das hier muss es sein«, sagte Marc in ihre Überlegungen hinein.
… ich kann nur hoffen, dass meine Ehe diese Krise übersteht, brachte sie ihren Gedanken zu Ende, und dann schob sie Dennis und Rob zur Seite, denn sie hatte weiche Knie vor Aufregung, und sie wollte sich ganz und gar auf die bevorstehende Begegnung mit Mr. Cadwick konzentrieren.
»Das ist die Nummer sieben«, bestätigte sie, »und die Straße stimmt auch. Ist das eng hier! Und die Häuser sehen aus, als fielen sie gleich um!«
»Bei Mr. Cadwick brennt jedenfalls noch Licht«, stellte Marc fest. »Was meinen Sie, lassen wir den Wagen erst mal hier stehen? Es kommt zwar keiner mehr an uns vorbei, aber wenn ich einen anderen Parkplatz suche, finde ich dieses Haus am Ende nie wieder.«
»Ich wette, jetzt will auch niemand mehr vorbei«, sagte Rosanna und öffnete vorsichtig die Beifahrertür, um nicht an der Hauswand anzustoßen. »Himmel, wie kann Elaine hier leben?«
Brent Cadwick musste förmlich auf der Lauer gelegen haben, denn seine Haustür wurde aufgerissen, noch ehe Rosanna oder Marc hatten anklopfen können. Im Schein des herausflutenden Lichts stand er vor ihnen, ein alter Mann in Strickweste und verbeulter Hose. Er trug dicke graue Socken, aber keine Hausschuhe. Er roch unangenehm – wie jemand, der sich zu selten wäscht, der immer dieselben Kleidungsstücke zu lange trägt.
Rosanna konnte ihn auf den ersten Blick nicht leiden, ohne dass sie sofort hätte definieren können, worauf sich ihre Abneigung gründete. Sie spürte förmlich, wie sich Marc neben ihr innerlich von der ganzen Situation zurückzog, und sie begriff auch, warum: Er wappnete sich gegen eine bevorstehende Enttäuschung. Dieser Brent Cadwick sah durch und durch aus wie
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