Die Löwin
nicht einfach seinem Schicksal überlassen.
»Ich werde sehen, was ich zu tun vermag, doch versprechen kann ich nichts«, setzte der Herzog etwas versöhnlicher hinzu.
Die Herren aus Rividello atmeten erleichtert auf und priesen seine Voraussicht und seine Klugheit in einer Weise, die ihn dazu brachte, sich umzudrehen, damit die Leute die Verachtung in seinem Gesicht nicht bemerkten. Einen Augenblick erwog er sogar, sich mit Umberto di Muozzola in Verbindung zu setzen und ihn aufzufordern, sich die Stadt untertan zu machen. Der Gedanke an den Bürgerkrieg, den dies zur Folge haben würde und der nur Gian Galeazzo Visconti zum Vorteil gereichen konnte, ließ ihn von der Idee absehen. Freundlicher, als er im Herzen gesinnt war, verabschiedete er die Delegation und gab ihnen bis zum Burgtor das Geleit.
Die Männer und ihre Begleitung besaßen gute Pferde, doch ihre Reitkünste wurden den edlen Tieren nicht gerecht. Unwillkürlich empfand der Herzog Neid auf diese reichen Kaufleute, in deren Truhen sich die Dukaten von selbst zu vermehren schienen. Dann aber winkte er heftig ab. Einen armen Mann konnte man auch ihn nicht nennen, und er hatte etwas, das diese Krämer trotz all ihrer Mühen nicht erwerben konnten, nämlich einen guten Namen und einen Titel, der ihm jede Tür auf dieser Welt oder zumindest in den Ländern der Christenheit öffnete.
Mit dieser Feststellung kehrte er in den Burghof zurück und blickte sich um. Die Mauern waren fest und hoch, der Platz frisch gefegt, und die Ställe und die Quartiere von Vieh und Mensch sahen so sauber aus, wie er es wünschte. In der Nähe eines Seitenturms exerzierte eine Gruppe Hellebardenträger, und ganz am Ende übten sich etliche Armbrustschützen beim Schießen auf eine bewegliche Scheibe, die ein Page an einer Leine hinter sich herzog. Arnoldo Caetani sah ihnen eine Weile zu und überlegte, wie viele seiner Reisigen er entbehren konnte. Die Zahl war nicht besonders hoch und würde einen Mailänder Condottiere gewiss nicht davon abhalten, Rividello einzunehmen.
»Es muss eine größere Truppe sein, mindestens einhundert, besser noch zweihundert Lanzen!«
Erst das verständnislose Gesicht eines Armbrustschützen brachte dem Herzog zu Bewusstsein, dass er seine Gedanken laut ausgesprochen hatte. »Mach weiter!«, fuhr er den Mann an und schlenderte in Richtung des Wohngebäudes. Doch sosehr er auch nachsann, mehr als fünfzig Lanzen konnte er nicht entbehren, und die reichten nicht aus, um Rividello zu befrieden und zu halten. Es gab nur eine einzige Truppe, die groß genug war und über die er verfügen konnte, und die lag wie ein unnützer Kadaver unweit von Pisa.
»Wenn ich den Kerl erwische, der Monte Elde umgebracht hat, breche ich ihm sämtliche Knochen!« Diesmal zuckte der Diener, der seinem Herrn die Türe öffnete, erschrocken zusammen. Caetani bemerkte ihn nicht einmal, sondern durchquerte die Vorhalle und blieb am Eingang der großen Halle stehen. An der langen Holztafel hatten bereits Könige und Kaiser gesessen, der Sage nach sogar der Franke Carlo nach seinem Sieg über Desiderio von der Lombardei, mit Sicherheit aber Federico I. Barbarossa und später Lodovico di Baviera. Der Herzog sah sie im Geiste vor sich, jene Herrscher aus dem Norden mit ihren flachsblonden Recken, glaubte das Klirren ihrer Schwerter zu hören und das Rauschen ihrer weiten, vom Wind geblähten Umhänge. Stets hatte der hier herrschende Herzog sich diesen Herren gleichrangig gefühlt und war von ihnen auch so behandelt worden. Es schmerzte ihn, dass von allen Caetani auf Molterossa ausgerechnet er sich mit Krämern herumschlagen musste, die nicht erkennen wollten, dass nur Einigkeit jene Freiheiten bewahren konnte, an die sie sich klammerten.
»Ich darf Rividello nicht dem Visconti überlassen.« Diesmal war keiner da, der ihn hörte. Allerdings gab es auch niemand, der ihm mit Rat aushalf. Konnte Monte Eldes Kompanie die Lösung sein? Was war eine Truppe wert, die ihre Offiziere verloren hatte? Der Herzog versuchte sich seinen Neffen Amadeo als Krieger vorzustellen und schüttelte den Kopf. Der junge Mann war ein guter Befehlsempfänger, mehr aber nicht. Da war Rodolfo von ganz anderer Statur gewesen – äußerlich und innerlich. Es hatte jedoch keinen Sinn, einem Neffen nachzutrauern, den er selbst von seinem Hof gewiesen hatte. Entschlossen wandte er der Halle den Rücken zu und rief nach dem Capitano seiner Leibwache.
Der Mann erschien so schnell, als hätte er auf
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