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Die Räder des Lebens

Die Räder des Lebens

Titel: Die Räder des Lebens Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Jay Lake
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fest. Die Notus nahm ihren Platz gemeinsam mit vier anderen Luftschiffen ein; die restlichen sieben Ankermasten waren ungenutzt. Obwohl Paolina die Unterschiede zwischen den Luftschiffen erkannte, entstammten sie doch alle demselben Bautyp; sie ähnelten sich prinzipiell stark und unterschieden sich deutlich von dem Chinesen, den sie zerstört hatte. Und alle hatten Englands Flagge gehisst. Bei Marseille handelte es sich eindeutig nicht um eine freie Stadt.
    Niemand, weder Bucknell noch Sayeed noch sonst jemand aus der Besatzung, bot ihr die Gelegenheit, an Land zu gehen. Sie sah zu, wie die Männer in regelmäßigen Abständen auf Landurlaub geschickt wurden, was nicht ohne Gestöhne, Geschreie und bissigen Spott vonstattenging. Wer Dienst schob und gezwungen war, sich von einer Stadt fernzuhalten, die nicht nur erstklassige Weine, sondern auch willige Frauen zu bieten hatte, dem schmeckte diese Bestrafung überhaupt nicht – aber das ignorierten die Offiziere, und die Kameraden machten sich noch über die Zukurzgekommenen lustig.
    Sie gehörte zu den Zurückgelassenen, blieb an Bord mit den Raufbolden und der Schiffswache und wer sonst noch da war, um dem Schatzmeister dabei zu helfen, die Vorräte aufzufüllen oder dem Oberstabsingenieur zur Hand zu gehen.
    Der Gedanke, wie sie einen Mann gefeiert hätten, der ein feindliches Luftschiff eigenhändig zum Absturz gebracht hatte, war sehr schmerzlich. Also verbrachte sie stattdessen einige Zeit damit, den Straßenverlauf zu betrachten, und verfolgte, wie sich Wagen und Menschen zwischen den Gebäuden hindurchbewegten und wie Handel betrieben wurde. Es war eine faszinierende Betätigung, denn das Konzept und der Erfindergeist, die zu dieser großen Stadt geführt hatten, waren ein wahres Wunderwerk, auch wenn fast alles, dem Aussehen nach zu urteilen, nach dem Zufallsprinzip entstanden war.
    Doch auch diese Beschäftigung begann nach einigen Stunden, sie zu langweilen, und sie kehrte in ihre heiße, kleine Kabine zurück, um ein wenig zu schlafen. Sie wunderte sich darüber, dass eine Frau als hysterisch und gedankenlos bezeichnet wurde, wenn sie dieselbe Macht für sich beanspruchte, die einem Mann Lob und Anerkennung einbrachte.
    Al-Wazir
    Der Bootsmann stapfte durch das Lager. Er wusste nicht, wo sich Boas befand, denn sie waren in der Schlacht voneinander getrennt worden. Es war niemand zu sehen, aber es war ihm auch klar, dass zu wenige Leichen auf dem Boden lagen. Es musste viele Überlebende geben, irgendwo. Er hätte es bemerkt, wenn die geflügelten Wilden die Arbeiter dutzendfach entführt hätten. Die brennende Dampfpumpe zischte explosionsartig, als eins der Überdruckventile sein Leben aushauchte.
    Der Tunnel. Sie mussten im Tunnel sein. Al-Wazir schnappte sich alle Handfeuerwaffen auf seinem Weg zur Felswand.
    Am Tunneleingang entdeckte er wie erwartet eine Blockade. Mehrere geflügelte Leichen lagen davor, gemeinsam mit weiteren menschlichen Überresten. Auf der Blockade war niemand zu sehen, aber er konnte in den Schatten auch nichts erkennen. In diesem Moment könnten hundert Mündungen auf ihn gerichtet sein.
    »Kommt raus, ihr dummen Feiglinge«, rief er. »Diese Viecher sind weg, und wir haben verdammt viel Arbeit vor uns.«
    »Wie kommt es, dass du noch lebst?« Die Stimme hörte sich wie die von Mercks an, dem Eisenbahner, den al-Wazir damals in Kent kennengelernt hatte. »Hast du sie auf uns herabbeschworen?«
    Der Vorwurf war so seltsam, dass er völlig verblüfft war. »Bist du jetzt komplett bescheuert, Mann? Ich habe hier draußen gekämpft, um sie uns vom Hals zu halten. Ich lebe noch, weil ich mich nicht verpisst habe. Nur wenn man wegrennt, stürzen sie sich auf einen Mann und tragen ihn davon. Ihr verschissenen Angsthasen könnt euch vielleicht in eurem Bau verstecken, aber ihr müsst irgendwann mal zum Pinkeln rauskommen!«
    Vollkommene Erschöpfung ergriff plötzlich Besitz von al-Wazir, und er setzte sich auf einen geflügelten Leichnam, um die Magazine in den Waffen zu kontrollieren, die er bei sich trug. Wenn sie nur wenige Kugeln enthielten, packte er sie in ein anderes Magazin. Die beiden, die fast voll waren, legte er zur Seite.
    Er sah auf, als sich Ottweill ihm näherte, gefolgt von einigen seiner harten Jungs. Mercks’ Männer bestimmt.
    »Sie scheitern mit Ihrer Mission.« Ottweill war eindeutig wütend. Er deutete auf den Dampfbohrer, von dem eine Rauchfahne aufstieg. »Das darf nicht sein.«
    »Was wollen Sie von mir,

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