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Die Räder des Lebens

Die Räder des Lebens

Titel: Die Räder des Lebens Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Jay Lake
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kleines Stück braunen Brots und hatte es sich auf der Windseite eines Kabelgatts bequem gemacht. Von hier aus sah sie zu, wie sich das Blau des Horizonts zur Abenddämmerung hin verdunkelte und roch die frische Salzluft, die sich unter ihrem Kiel befand.
    »Wir werden heute spät am Abend Marseille erreichen«, sagte er und blickte auf sie hinab. »Wir nehmen Brennstoff und Vorräte auf und geben den Männern Landgang.«
    »Darf ich an Land gehen?«
    »Das können Sie tun, aber es sollte nur unter Begleitung stattfinden.« Als sie ihm gerade widersprechen wollte, hob er eine Hand. »Sie sind Ihre eigene Frau, aber Sie besitzen keine Papiere. Sie werden feststellen, dass Papiere innerhalb der Grenzen des Empire hilfreich sein können. In Begleitung eines Schiffsoffiziers werden Sie nicht aufgehalten. Gehen Sie alleine, kann ich weder Ihre Sicherheit noch Ihre Freiheit garantieren.«
    »Ich verstehe.« Sie versuchte, nicht beleidigt zu klingen, schaffte es aber nicht. »Das ist keine freie Stadt.«
    »Nichts ist frei.«
    »Nein.« Paolina fragte sich, welche Machenschaften er in diesem Augenblick im Auge hatte.
    »Dazu zählt auch«, fügte Sayeed hinzu, »die Hilfe des jungen Bucknell. Ich habe ihn zu Ihrem Steward gemacht, weil er ein sanftes Herz besitzt und Sie sowohl vor Gerüchten als auch den unklugen Handlungen grober und einsamer Männer schützen würde. Von denen es auf diesem Schiff übrigens eine Menge gibt, das kann ich Ihnen versichern. Das ist auf jedem Schiff so, seit Adams Zeiten. Sie haben ihn verjagt und das mit einer Boshaftigkeit, die ich nicht erwartet hätte. Möchten Sie sich jetzt allein mit der Mannschaft auseinandersetzen, oder soll ich Ihnen einen anderen Mann zuteilen? Und wird auch dieser die Nachteile Ihrer spitzen Zunge zu spüren bekommen? Ich habe einige ältere Matrosen an Bord, die Frauen zu Hause haben und genau wissen, wie sie giftigen Bemerkungen zu begegnen haben, Fräulein.«
    Sie schwieg einen Augenblick lang, während der Zorn in ihr mit dem Bedauern kämpfte. Paolina hatte in ihrem gesamten Leben nichts dadurch gewonnen, dass sie Männern nachgab, also würde sie damit jetzt erst recht nicht anfangen. »Worte sind eine seltsame Sache, Kapitän«, sagte sie schließlich. »Man kann lügen, ohne auch nur eine einzige Unwahrheit zu sagen. Man kann die Menschen täuschen und ihnen dennoch ihre Herzenswünsche erfüllen. Wenn ich mich Bucknell gegenüber gefühllos verhalten habe, dann bedaure ich das. Er hatte einige Dinge gesagt, die mir Angst eingejagt haben.« Sie stellte ihre Schüssel ab, in der noch die letzten abgekühlten Bohnen am Boden klebten, schlang die Arme um ihre Knie und sah zu Sayeed auf.
    »Schon bei unserem Abflug haben Sie einen Kurs über Afrika eingeschlagen, anstatt Ihrer Patrouillenroute zu folgen. Das ganze Gerede von Straßburg und der Schwilgué-Uhr war nur eine Farce, die mich glauben lassen sollte, dass ich Ihnen etwas abgerungen hatte. Und ich habe herausgefunden, dass Sie gar nicht von mir erwartet hatten, unsere Verfolger aufzuhalten. Ihre Angst und Ihre Sorgen in dieser Nacht lassen sich viel besser erklären, wenn ich mir vor Augen führe, dass Sie damals einen Freund verloren haben, keinen Feind. Sie haben diesen chinesischen Kapitän missbraucht, um den Kurs Richtung Norden einschlagen zu können, und Sie hatten vor, mich nach Straßburg zu bringen, seitdem wir die Mauer verlassen hatten. Warum lügen Sie mich an?«
    »Ah.« Sayeed griff nach der Schale, wie es sich für die zwanghafte Sauberkeit eines Seemanns gehörte. Er drehte sie eine Zeit lang in seinen Händen. »Ich … ich war mir zuerst mit Ihnen nicht sicher. Wenn ich mich getäuscht hätte, dann wären wir von Marseille nach England aufgebrochen und so klug wie zuvor gewesen. Was Kapitän Yang und seine Shi Hsi-Chi angeht, so ist die Geschichte ein wenig komplizierter als Sie denken, aber Sie liegen mit Ihren Vermutungen schon fast richtig.«
    »Also haben Sie gelogen, um herauszufinden, was ich tun würde.« Sie stand auf. »Ich habe ein Schiff abstürzen lassen und Dutzende Männer umgebracht, weil ich davon ausging, uns damit zu retten.«
    »Das ist ein Risiko, mit dem wir alle jeden Tag leben«, blaffte er.
    »Aber dafür bin ich nicht verantwortlich.« Sie riss den Schimmer aus ihrem Kleid hervor. »Ich hatte nicht die Absicht, eine … eine Waffe zu erschaffen! Ein Ding, mit dem man töten kann, um sich zu schützen ober bei dem Versuch stirbt. Sie haben mich mit Ihren

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