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Die Schuldlosen (German Edition)

Die Schuldlosen (German Edition)

Titel: Die Schuldlosen (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Petra Hammesfahr
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ein Umzug sein. Für den Anfang könnte er Saskia morgens zur Schule bringen, mittags abholen, für sie kochen, mit ihr Hausaufgaben machen und sie abends zurückbringen.
    Als in der Eingangshalle die Türklingel anschlug und er noch vor dem Öffnen der Tür durch den Glaseinsatz sah, dass draußen ein uniformierter Polizist stand, spürte er, wie etwas in ihm zusammenfiel oder schrumpfte, wie ein Luftballon, aus dem das Gas entwich, mit dem er kurz zuvor noch in luftige Höhen aufgestiegen war. Als er Bernd Leunen erkannte, wollte er schon aufatmen. Im Gegensatz zu vielen anderen ihres Alters hatte er mit Bernd nicht mal in der Grundschule Probleme gehabt. Der war schon damals ein Friedensstifter gewesen, hatte sich auch an dem Abend in der Linde um Frieden bemüht.
    «Alles in Ordnung, Alex?» Das schwirrte ihm noch durch den Hinterkopf. Und zwar genau zwischen Janice’ überraschendem und völlig unangebrachtem: «Hör auf! Lass mich los!» , und Lothars entsetztem: «Hör auf! Lass sie los! Alex, um Gottes willen, was tust du da? Lass sie los, du bringst sie ja um.» Und sonst war nichts dazwischen. Filmriss.
    Natürlich wusste er, dass er kurz nach dem Überfall im Männerklo die Linde verlassen hatte, ohne seine Zeche zu bezahlen. Er wusste auch, dass er sich zu Fuß auf den Weg zur elterlichen Villa gemacht hatte. Aber das wusste er nur, weil Lothar es ihm erzählt und andere es vor Gericht wiederholt hatten. Wobei außer Lothar niemand wusste, dass er zu Fuß gegangen war.
    Seine Erinnerung setzte erst wieder mit verschwommenen Eindrücken ein, als Lothar ihn aus dem Wasser zerrte und ins Auto verfrachtete, um ihn nach Grevingen zu fahren. Die Jeans, die Jacke und das Poloshirt waren klitschnass und eiskalt gewesen. In seinen Schuhen hatte das Wasser gestanden. Wenn er die Zehen bewegte, fühlte sich das unangenehm an.
    Lothar hatte während der ganzen Fahrt auf ihn eingeredet. Was er gesagt hatte, war nicht haftengeblieben. Dafür wusste er noch, dass Lothar geweint hatte, fast so herzzerbrechend wie damals, als er ihm zwei bleibende Zähne ausgeschlagen hatte.
    Dann schob Lothar ihn vor sich her die beiden Treppen hinauf zu der Wohnung, die für eine vierköpfige Familie zu klein gewesen wäre. Ab da wurden die Bilder klarer, und die Töne setzten sich fest. Heike wachte auf, als sie hereinkamen. Sie nahm an, er sei allein, und rief aus dem Schlafzimmer, er solle bloß keinen Krach machen und Saskia nicht aufwecken.
    Lothar weinte immer noch und machte Heike mit dem Hinweis, es sei etwas Schreckliches passiert, klar, dass sie jetzt andere Sorgen hatten als ein schlafendes Baby, das aufwachen könnte.
    Sie bugsierten ihn gemeinsam ins Schlafzimmer, zogen ihn aus und packten ihn ins Bett, wobei Lothar sich allmählich beruhigte. Heike hätte ihm gerne ein heißes Bad eingelassen, weil er so durchgefroren war, dass sie befürchtete, er bekäme einen Schnupfen. Aber das Wasserrauschen wäre in den Nachbarwohnungen gehört worden und hätte später unangenehme Fragen aufwerfen können.
    Lothar, dessen Kleidung ebenfalls alles andere als trocken war, hielt Heikes Vorschlag für keine gute Idee. «Lieber nicht», sagte er, bat um ein paar Sachen von Alex, damit er sich umziehen konnte, und riet, die nassen Klamotten sofort wegzuwerfen. Doch offenbar traute er Heike nicht so ganz, weil er forderte: «Pack alles in eine Tüte, ich nehme es nachher mit und lasse es verschwinden.»
    Dann schoben sie das Gitterbettchen mit dem schlafenden Engelchen zu ihm ins Schlafzimmer, weil sie sich im Wohnzimmer unterhalten wollten. Verständlicherweise wollte Heike alles ganz genau wissen. Vor allem interessierte sie, was Alex so spät noch in der Breitegasse zu suchen gehabt hatte.
    «Ich frage mich schon seit Wochen, ob er wirklich jeden Abend stundenlang bei seiner Mutter sitzt und Händchen hält. Oder ob er auf dem Heimweg noch Steinchen an ein Fenster wirft und sich etwas Entspannung in Webers Laube gönnt. Abgeschlossen ist die auch heute nicht. Ich war neulich abends mal da und hab nachgeschaut. Es sah aus, als würde die Couch immer noch für Schäferstündchen genutzt.»
    «Er wollte nur seinen Rausch in der Villa ausschlafen», beteuerte Lothar. «Mit Janice wollte er nichts mehr zu tun haben. Deshalb hat sie ja so ein Theater gemacht, ihm sogar erzählt, du würdest ihn betrügen und dabei auch noch schlecht über ihn reden.»
    «Was?», fuhr Heike auf. «Die tickt ja nicht mehr sauber! Wie kommt die dazu, so was zu

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