Die Sommerfrauen: Roman (German Edition)
darf.«
»Oh, Kendra und ich haben durchaus eine gemeinsame Vergangenheit«, sagte Ty reuevoll. »Wenn du zwei Jahre Ehe für eine Vergangenheit hältst.«
»Ehe? Du warst verheiratet? Mit ihr? Zwei Jahre lang?«
»Damals kam es mir sehr viel länger vor«, bemerkte Ty.
»Wow. Seit wann bist du denn geschieden? Falls ich das fragen darf.«
»Ist schon lange her.«
Ellis zog die Knie an die Brust, um sich ein wenig zu wärmen. »Sie sieht super aus.«
»Davon ist sie überzeugt«, stimmte Ty ihr zu. »Und die meisten Leute würden dir wohl recht geben.«
»Du musst sie irgendwann auch schön gefunden haben«, sagte Ellis. »Schließlich hast du sie geheiratet.«
»Wir waren schon auf der Highschool zusammen und haben dann nach dem College geheiratet«, erklärte Ty. »Alle meinten, wir würden perfekt zusammenpassen.«
»Und dann?«
»Kendra gehört zu der Sorte Frau, die immer einen Plan hat«, sagte Ty. »Hat sie wahrscheinlich von ihrem Vater. Boomer war früher in der Politik, saß im Parlament von North Carolina und so weiter. Jetzt konzentriert er sich auf seine Anwaltskanzlei. Und auf das Leben seiner Tochter. Und Kendra ist das nur recht, es passt genau in ihre Pläne.«
»Aber nicht in deine?«
»Anfangs schon«, gab Ty zu. »Das Jurastudium hörte sich erst mal super an. Auf der Highschool und anschließend am College hatte ich ganz ordentliche Noten. Wir schlossen das College ab, jobbten ein paar Jahre, hauptsächlich damit ich Geld sparen konnte, um weiterzumachen, aber dann kam Kendra auf die glorreiche Idee, dass wir gemeinsam Jura studieren könnten. Ich dachte, warum nicht? Wir bewarben uns in verschiedenen Städten. Kendra bekam mehrere Zusagen. Und ich? Heute würde ich sagen, Boomer zog wahrscheinlich ein paar Fäden, damit ich in Chapel Hill angenommen wurde. Er saß im Hochschulrat.«
»Und dann? Wenn dich die Frage nicht stört.«
»Liegt alles weit zurück«, sagte Ty achselzuckend. »Es war einfach nicht mein Ding. Kendra und ich kamen ganz gut zurecht. Wir wohnten in einem schäbigen kleinen Apartment auf der Franklin Street und waren mittellose Jurastudenten, so wie all unsere Freunde. Zumindest ich war mittelos. Kendra hatte ein eigenes Konto, und ihr Vater sorgte dafür, dass es immer gut gefüllt war. Darüber stritten wir uns. Und über zig andere Sachen. Als ich das zweite Jahr zur Hälfte hinter mir hatte, wusste ich ganz genau, dass Jura nicht das Richtige für mich war. Ich riss mich zusammen und zog das Jahr bis zum Ende durch, und als ich Kendra anschließend sagte, ich würde es an den Nagel hängen, teilte sie mir mit, dass sie die Sache mit uns ebenfalls an den Nagel hängen würde.«
»Ach«, machte Ellis. »Wegen Ryan?«
»Ich bevorzuge die Bezeichnung Arschgesicht«, sagte Ty. »Sie haben zusammen bei der Unizeitschrift gearbeitet. Kendra behauptet, es sei einfach so … passiert.«
»Wo habe ich das bloß schon mal gehört?«, sagte Ellis.
»Sie behauptete, sie wären nur ›befreundet‹«, fuhr Ty fort. »Als sie aus unserem Rattenloch auszog, zog sie natürlich direkt bei ihm ein. War bestimmt auch nur ein Zufall.«
»Wie übel! Wie ging es mit dir weiter?«
»Ich habe einen Job als Bürohilfe bei einem Börsenmakler in Chapel Hill gefunden. Hielt Augen und Ohren offen, probierte selbst ein paar Geschäfte aus und merkte, dass es mir Spaß machte. Stellte sich heraus, dass ich ein Info-Junkie bin. Der Typ, für den ich arbeitete, brachte mir eine Menge bei, ich hatte mehrere Glückstreffer. Einige Jahre blieb ich bei dieser Firma, dann zog ich nach Charlotte, wo ich wieder ein paar Jahre arbeitete. Aber das Meer hat mir immer gefehlt. Ich hab mir nicht viel gegönnt, mein Geld gespart und bin schließlich zurück nach Nag’s Head gezogen.«
»Nach Ebbtide«, ergänzte Ellis.
»Nee, ich zog zu meinem Vater«, verbesserte Ty. »Ebbtide gehörte der Familie meiner Mutter. Als meine Oma starb, hinterließ sie es dem Bruder meiner Mutter, meinem Onkel Ralph. Er lebt im Westen und hatte eigentlich kein großes Interesse an dem Haus. Letztes Jahr wollte er es verkaufen. Zu dem Zeitpunkt waren die Immobilienpreise im Keller, und es war mir gelungen, ein bisschen Geld auf die Seite zu legen, deshalb kam ich auf die tolle Idee, das Haus zu kaufen, damit es in der Familie bleibt.«
»Das finde ich schön«, sagte Ellis. »Gehörte es immer schon deiner Familie?«
»Ja. Nur leider ist nie etwas daran gemacht worden«, erklärte Ty. »Das Haus entpuppte sich
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