Die Sommerfrauen: Roman (German Edition)
als Geldgrab. Es braucht ein neues Dach, neue Wasserleitungen, eine neue Elektrik. Und du weißt ja, in welchem Zustand Küche und Badezimmer sind. Als ich es kaufte, zog ich direkt ein und begann mit den Reparaturen, aber dann rutschte die Börse in den Keller, und mir ging das Geld aus.«
»Die Wirtschaft ist ätzend«, sagte Ellis verständnisvoll. »Ich weiß das, denn genauso erging es mir bei der Bank, für die ich in Philly garbeitet habe. Wir wurden von einer anderen Bank geschluckt, und meine gesamte Abteilung wurde entlassen.«
»Und, hast du schon eine neue Stelle in Aussicht?«
»Noch nicht«, gab Ellis zu. »Ich hab Bewerbungen verschickt, aber …«
»Tja«, sagte Ty. »Kann ich gut verstehen. Als ich wieder hergezogen bin, habe ich versucht, Arbeit zu finden, aber jetzt mal ehrlich: Nag’s Head ist halt nicht Charlotte. Hier dreht sich alles um den Tourismus. Ich bin’s leid, für andere zu arbeiten. Ich schlage mich lieber allein durch, selbst wenn ich von so gut wie nichts leben muss. Deshalb bin ich rübergezogen in das Apartment über der Garage und vermiete jetzt das große Haus. Aber es war nicht genug, und es kam zu spät.«
Ellis zog die Knie enger an den Körper.
»Dir ist kalt«, sagte Ty. Er legte ihr einen Arm um die Schulter und zog sie an sich. »Wir könnten reingehen«, schlug er vor.
»Schon in Ordnung.« Ellis sah ihn an. »Was Ryan heute Abend meinte, das mit Ebbtide: Soll es wirklich zwangsversteigert werden?«
»Dieses Arschloch«, murmelte Ty. »Ja, das stimmt. Ich sehe schlicht und einfach kein Land mehr. Ich will nichts dramatisieren, aber wenn ich keine Möglichkeit finde, bis zum fünfzehnten September Geld aufzutreiben, und zwar schnell, dann verliere ich Ebbtide. Deshalb arbeite ich nachts immer im Caddie’s.«
»Es wäre schade, Ebbtide zu verlieren«, sagte Ellis. »Kannst du denn gar nichts tun? Hast du schon mal mit der Bank gesprochen? Ich meine, mit Hypotheken und so hatte ich nie was zu tun, aber ich könnte mir vorstellen, dass eine weitere Zwangsversteigerung das Letzte ist, was eine Bank momentan an der Backe haben will. Vielleicht kann man da gemeinsam eine Lösung finden?«
»Ich versuche es. Aber ich habe keine örtliche Bank. Die Bank, bei der ich die Hypothek aufgenommen habe, wurde von einer anderen aus Virginia geschluckt. Ich habe angerufen und Briefe geschrieben, aber es kommt mir vor, als bekäme ich nie einen richtigen Menschen an die Strippe. Und derweil tickt die Uhr. Die amtlichen Bekanntmachungen sind schon draußen. Und die Geier kreisen bereits.«
»Zum Beispiel Ryan und Kendra«, erkannte Ellis.
Tys Miene verdüsterte sich. »Ich fackel das ganze Ding ab, bevor ich zulasse, dass die es in die Hände bekommen.«
Ellis riss die Augen auf angesichts seiner heftigen Reaktion.
»Nicht wörtlich«, sagte Ty. »Aber ich lass mir was einfallen. Können wir vielleicht das Thema wechseln?«
»Was schwebt dir da vor?«, fragte sie.
Er zog Ellis an sich, vergrub seine Nase in ihrem Haar. »Ich hatte gehofft, wir könnten vielleicht überlegen, ob du mir heute Abend noch eine zweite Chance gibst.«
Ellis griff nach der Papiertüte, die neben seinem Stuhl lag. »Nur wenn ich was von dem hier haben darf. Ich hatte nicht viel zum Abendessen, schon vergessen?«
»Gleich«, sagte Ty. Er drehte ihr Gesicht zu sich und fand im Dunkeln ihre Lippen.
30
Es klopfte an der Zimmertür. Als Julia öffnete, stand Madison davor, ihr Mobiltelefon in der Hand. »Wir müssen reden«, sagte sie mit ernstem Blick. Ihr ungewaschenes Haar hing vom Mittelscheitel herunter, und das billige braune T-Shirt war zerknittert. Sie humpelte ins Zimmer, ohne dass Julia sie dazu aufgefordert hatte, und setzte sich auf den Rand eines klapprigen, orange gestrichenen Holzstuhls.
Den Stuhl hatte Julia am Wochenende in einem Secondhandladen auf dem Croatan Highway entdeckt und ihn in einem Anfall von Langeweile bunt angemalt.
»Was soll denn das …?«, legte sie los, doch Madison hob die Hand und unterbrach sie, bevor sie sich aufregen konnte.
Julia ließ sich auf ihr Bett sinken, über das sie gerade eine einfache Tagesdecke mit bunten Streifen gebreitet hatte. Sie hatte sie auf dem Rückweg vom Farbenladen in einem Textilgeschäft gekauft.
»Was ist, Madison?«, fragte Julia und glättete eine nicht vorhandene Falte in der Tagesdecke.
»Was hast du ihm gesagt?«, fragte Madison zurück.
»Wem?«
»Na, ihm!« Madison hielt Julia ihr Telefon entgegen. »Ich weiß,
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