Die Tore der Welt
fragte Carlus. Offenbar erkannte er den Schritt des
hellhäutigen, blauäugigen Mönchs, der gerade hereingekommen war. »Such den
Totengräber. Sag ihm, er soll sechs starke Männer als Helfer mitbringen. Wir
werden mindestens hundert neue Gräber brauchen, und um diese Jahreszeit sollte
man die Beerdigung nicht hinauszögern.«
»Sofort, Bruder«,
sagte Theodoric.
Caris war
beeindruckt, wie planvoll Carlus trotz seiner Blindheit alles organisierte.
Caris hatte es
Merthin überlassen, die Bergung der Toten und Verletzten aus dem Fluss zu
leiten. Sie hatte dafür gesorgt, dass die Nonnen und Mönche von der Katastrophe
erfuhren; dann war sie Matthew Barber und Mattie Wise suchen gegangen.
Schließlich hatte sie nach ihrer eigenen Familie gesehen.
Nur Onkel Anthony
und Griselda waren zum Zeitpunkt des Einsturzes auf der Brücke gewesen. Ihren
Vater hatte Caris mit Buonaventura Caroli in der Ratshalle entdeckt. Edmund
hatte gesagt: »Jetzt werden sie eine neue Brücke bauen müssen!« Dann war er zum
Ufer gehumpelt, um zu helfen, Menschen aus dem Wasser zu ziehen. Die anderen
waren in Sicherheit: Tante Petronilla war zu Hause gewesen und hatte gekocht;
Caris‘ Schwester, Alice, war mit Elfric in Bells Gasthaus gewesen, während ihr
Vetter Godwyn in der Kathedrale die Reparaturen im südlichen Seitenschiff des
Chorbereichs inspiziert hatte.
Griselda war
inzwischen nach Hause gegangen, um sich auszuruhen. Von Anthony hatte noch
immer niemand etwas gehört. Caris liebte ihren Onkel nicht gerade, aber sie
wollte ihn auch nicht tot sehen, und so suchte sie jedes Mal besorgt nach ihm,
wann immer neue Leichen und Verletzte vom Fluss in die Kathedrale gebracht
wurden.
Mutter Cecilia und
die Nonnen wuschen Wunden, rieben sie zum Schutz vor Entzündungen mit Honig
ein, legten Verbände an und verteilten Becher mit heißem gewürztem Bier.
Matthew Barber, der fleißige, forsche Bader, arbeitete mit einer keuchenden,
übergewichtigen Mattie Wise zusammen. Jeweils ein paar Minuten ehe Matthew
gebrochene Arme oder Beine richtete, verabreichte Mattie den Patienten
beruhigende Medizin.
Caris ging ins
Südschiff. Dort, fern von dem Lärm, dem Gewimmel und dem Blut, drängten die
Mönchsärzte sich um den noch immer bewusstlosen Grafen von Shiring. Man hatte
ihm die nassen Kleider ausgezogen und eine wollene Decke über ihn gebreitet.
»Er lebt«, sagte Bruder Godwyn. »Aber seine Verletzung ist sehr ernst.«
Er deutete auf den
Hinterkopf des Grafen. »Sein Schädel ist eingeschlagen.«
Caris spähte über Godwyns Schulter. Sie
konnte die Verletzung sehen: Es sah wie die blutige Kruste einer Pastete aus;
durch die Lücken war die graue Masse des Gehirns zu erkennen. Caris schluckte.
Bei einer solch
schweren Verletzung konnte man sicher nicht mehr helfen.
Bruder Joseph, der
Arzt, empfand genauso. Er rieb sich die große Nase und fuhr sich mit der Zunge
über die fauligen Zähne. »Wir müssen die Reliquien des Heiligen holen«, sagte
er dann mit seiner stets wie betrunken wirkenden Stimme. »Sie sind jetzt seine
beste Hoffnung.«
Caris hatte nur
wenig Vertrauen in die Macht der Knochen eines vor langer Zeit gestorbenen
Heiligen, den zerschmetterten Schädel eines Lebenden zu heilen. Aber das sagte
sie natürlich nicht; sie wusste, dass sie in dieser Hinsicht ungewöhnliche
Ansichten vertrat, und deshalb behielt sie ihre Meinung meist für sich.
Die Söhne des
Grafen, Herr William und Bischof Richard, schauten zu. William mit seiner
großen, soldatischen Gestalt und dem schwarzen Haar wirkte wie eine jüngere
Version des bewusstlosen Mannes auf dem Tisch. Richard war heller und
rundlicher. Merthins Bruder Ralph war bei ihnen. »Ich habe den Grafen aus dem
Wasser gezogen«, sagte er. Das war nun schon das zweite Mal, dass Caris ihn das
sagen hörte.
»Ja, gut gemacht«,
sagte William.
Williams Frau,
Philippa, war mit Bruder Josephs Erklärung genauso unzufrieden wie Caris.
»Könnt Ihr denn gar nichts mehr tun, um dem Grafen zu helfen?«, fragte sie.
Godwyn antwortete:
»Beten ist die beste Medizin.« Die Reliquien wurden in einem abgeschlossenen
Fach unter dem Hochaltar aufbewahrt. Kaum waren Godwyn und Joseph gegangen, um
sie zu holen, beugte Matthew Barber sich über den Grafen und schaute sich die
Kopfverletzung an. »So wird sie nie verheilen«, erklärte er.
»Nicht einmal mit
Hilfe eines Heiligen.« William fragte mit scharfer Stimme: »Was meint Ihr
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