Die Tore der Welt
»Bitte!«, fügte
er hinzu.
Er erhielt keine
Antwort, doch Merthin tauchte unter eine teilweise versunkene Bohle, kam wieder
hoch und erteilte den beiden kräftigen Burschen Anweisungen. Sie hoben den
Balken, an dem sie gearbeitet hatten, zur Seite, ließen ihn ins Wasser gleiten
und beugten sich über den Bug, um die Bohle zu packen, unter der Merthin sich
befand. Merthin versuchte offenbar, Anthonys Kleider aus den Trümmern zu
befreien.
Godwyn schaute zu.
Es machte ihn ungeduldig und entfachte seinen Zorn, dass er nichts tun konnte.
Er wandte sich an zwei der Umstehenden. »Holt zwei Mönche mit einer Bahre. Sagt
ihnen, Godwyn habe euch geschickt.« Die beiden Männer stiegen die Treppe hinauf
und verschwanden in der Priorei.
Schließlich gelang
es Merthin, den Bewusstlosen unter den Trümmern hervorzuziehen. Dann hoben die
beiden anderen den Prior ins Boot. Merthin kletterte hinterher, und sie stakten
ans Ufer zurück.
Eifrige Freiwillige
hievten Anthony aus dem Boot und legten ihn auf die Bahre, die die Mönche
inzwischen gebracht hatten. Anthony atmete, aber sein Puls war schwach. Seine
Augen waren geschlossen und sein Gesicht geradezu unheimlich weiß. Sein Kopf
und seine Brust waren lediglich zerschrammt und voll blauer Flecken, doch sein
Becken war gebrochen, und er blutete.
Die Mönche hoben
die Bahre hoch. Godwyn ging ihnen voraus über das Klostergelände und in die
Kathedrale, »Platz da!«, rief er.
Er brachte den
Prior durch das Hauptschiff und in den Chor, den heiligsten Teil der Kirche.
Dann befahl er den Mönchen, Anthony vor den Hochaltar zu legen. Die durchnässte
Robe klebte an Anthonys Hüfte und an den Beinen, die derart verdreht waren,
dass nur noch die obere Hälfte seines Körpers wie die eines Menschen aussah.
Wenige Augenblicke
später hatten alle Mönche sich um ihren bewusstlosen Prior versammelt. Godwyn
holte die Reliquie von Graf Roland und stellte sie Anthony zu Füßen. Joseph
legte ein mit Edelsteinen besetztes Kruzifix auf die Brust des Schwerverletzten
und faltete Anthonys Hände darum.
Mutter Cecilia
kniete sich neben den Prior. Sie wischte ihm mit einem Tuch, das mit
irgendeiner lindernden Flüssigkeit getränkt war, übers Gesicht und sagte zu
Joseph: »Er scheint sich mehrere Knochen gebrochen zu haben. Wollt Ihr, dass
Matthew Barber ihn sich einmal ansieht?«
Joseph schüttelte
stumm den Kopf.
Godwyn war froh.
Der Bader hätte diese heilige Zuflucht nur beschmutzt. Es war besser, die Sache
in Gottes Händen zu lassen.
Bruder Carlus gab
Anthony die Letzte Ölung und ließ die Mönche dann eine Hymne anstimmen.
Godwyn wusste
nicht, worauf er eigentlich hoffte. Seit einigen Jahren schon sehnte er sich
ein Ende von Anthonys Herrschaft herbei; doch in der letzten Stunde hatte er
eine Ahnung davon bekommen, was auf Anthony folgen könnte: die gemeinsame
Führung der Priorei durch Carlus und Simeon. Sie waren Anthonys Gefolgs leute
und würden keinen Deut besser sein als er.
Plötzlich sah
Godwyn Matthew Barber am Rand der Menge, die den Mönchen über die Schultern
gaffte. Der Bader musterte Anthonys Unterleib. Godwyn wollte ihm gerade zornig
befehlen, den Chor zu verlassen, als Matthew kaum merklich den Kopf schüttelte
und ging.
Anthony schlug die
Augen auf. Bruder Joseph rief: »Gelobt sei Gott!« Der Prior schien etwas sagen
zu wollen. Mutter Cecilia, die noch immer neben ihm kniete, beugte sich über
sein Gesicht, um ihn verstehen zu können. Godwyn sah, wie Anthonys Mund sich
bewegte. Zu gern hätte er gehört, was gesprochen wurde. Nach einem kurzen
Augenblick schwieg der Prior wieder.
Cecilia schaute
entsetzt drein. »Ist das wahr?«, fragte sie.
Alle starrten die
Priorin an. Godwyn fragte: »Was hat er gesagt, Mutter Cecilia?«
Sie antwortete
nicht.
Anthony schloss die
Augen. Ein Zittern durchlief seinen Körper, und er rührte sich nicht mehr.
Godwyn beugte sich
über ihn: keine Atmung. Er legte die Hand auf Anthonys Brustkorb: kein
Herzschlag. Er packte das Handgelenk: kein Puls.
Godwyn erhob sich.
»Prior Anthony hat diese Welt verlassen«, verkündete er. »Möge Gott seiner
Seele gnädig sein und ihn vor seinem heiligen Angesicht willkommen heißen.«
»Amen«, murmelten
die Mönche.
Und Godwyn dachte:
Jetzt wird neu gewählt.
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DRITTER TEIL
Juni bis November 1337
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KAPITEL 14
Die Kathedrale von
Kingsbridge war ein Ort des Schreckens.
Verwundete stöhnten
vor Schmerz
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