Die Tore der Welt
damit?« »Nun, der Schädel ist ein Knochen wie jeder andere auch«, erklärte
Matthew. »Er kann von selbst heilen, doch die einzelnen Stücke müssen wieder an
die richtige Stelle gesetzt werden, sonst wachsen sie schief zusammen.«
»Glaubt Ihr etwa,
Ihr wüsstet das besser als die Mönche?« »Die Mönche wissen, wie man spirituelle
Hilfe herbeiruft. Ich flicke nur gebrochene Knochen.« »Und wo habt Ihr dieses
Wissen her?« »Ich war viele Jahre lang Feldscher in der Armee des Königs. In
den schottischen Kriegen bin ich an der Seite von Eurem Vater, dem Grafen,
marschiert. Ich habe auch früher schon eingeschlagene Schädel gesehen.« »Und
was würdet Ihr jetzt für meinen Vater tun?« Caris hatte das Gefühl, als machten
Williams angriffslustige Fragen Matthew unruhig, doch er schien sich seiner
Sache sicher zu sein: »Ich würde die Knochensplitter aus dem Hirn holen, sie säubern
und versuchen, sie wieder zusammenzusetzen.« Caris schnappte hörbar nach Luft.
Eine solch kühne Operation vermochte sie sich kaum vorzustellen. Wie konnte
Matthew so etwas überhaupt nur vorschlagen? Und was, wenn es misslang? William
fragte misstrauisch: »Und er würde sich wieder erholen?« »Das weiß ich nicht«,
antwortete Matthew. »Manchmal hat eine Kopfverletzung seltsame Auswirkungen;
sie kann einem Mann die Fähigkeit zu gehen oder zu sprechen rauben. Ich kann
nur den Schädel flicken.
Wenn Ihr Wunder
wollt, fragt den Heiligen.« »Dann könnt Ihr also keinen Erfolg versprechen.«
»Nur Gott ist allmächtig. Die Menschen müssen tun, was sie können, und auf das
Beste hoffen. Aber ich glaube, dass Euer Vater an der Verletzung sterben wird,
wenn sie unbehandelt bleibt.« »Aber Joseph und Godwyn haben die Bücher der
antiken Medizinphilosophen gelesen.« »Und ich habe Verwundete auf dem
Schlachtfeld sterben und sich wieder erholen sehen. Es ist an Euch zu
entscheiden, wem Ihr vertraut.« William schaute zu seiner Frau. Philippa sagte:
»Lass den Bader tun, was er kann, und bitte den heiligen Adolphus, ihm beizustehen.«
William nickte. »Also gut«, sagte er zu Matthew. »Tut es.« »Ich möchte den
Grafen auf einem Tisch neben dem Fenster haben«, sagte Matthew entschlossen,
»wo genügend Licht auf seine Verletzung fällt.« William schnippte mit den
Fingern nach zwei Novizen. »Tut, was immer der Mann euch sagt«, befahl er.
Matthew sagte: »Ich
brauche eine Schüssel warmen Wein.« Die Mönche holten das Gewünschte, trugen
einen langen Tisch aus dem Hospital herbei und stellten ihn unter das große
Fenster im südlichen Querschiff. Zwei Knappen hoben den Grafen darauf.
»Mit dem Gesicht
nach unten, bitte«, sagte Matthew. Die Mönche drehten ihn um.
Matthew hatte eine
Ledermappe, in der er die scharfen Instrumente aufbewahrte, von denen Barbiere
ihren Namen hatten. Zuerst holte er eine kleine Schere heraus. Er beugte sich
über den Kopf des Grafen und machte sich daran, das Haar um die Wunde wegzuschneiden.
Der Graf hatte dickes schwarzes Haar, das von Natur aus strähnig war. Matthew
schnitt die Locken weg und warf sie auf den Boden. Als er einen Kreis um die
Wunde freigeschnitten hatte, war der Schaden deutlicher zu sehen.
Bruder Godwyn kam
mit dem Reliquiar zurück, einem reich beschnitzten Kasten aus Ebenholz und
Gold, der den Schädel des heiligen Adolphus sowie die Knochen eines Arms und
einer Hand enthielt. Als er sah, dass Matthew an Graf Rolands Schädel hantierte,
fragte er entrüstet: »Was geht hier vor?«
Matthew hob den
Blick. »Wenn Ihr die heiligen Reliquien dem Grafen bitte auf den Rücken stellen
würdet, so nah wie möglich am Kopf, dann, glaube ich, wird der Heilige meine
Hände beruhigen.«
Godwyn zögerte. Es
machte ihn offensichtlich wütend, dass der Bader das Kommando übernommen hatte.
Herr William sagte:
»Tut, was er sagt, Bruder, sonst könnte man Euch die Schuld am Tod meines
Vaters geben.«
Godwyn gehorchte
noch immer nicht. Stattdessen wandte er sich an den blinden Carlus, der ein
paar Schritte entfernt stand.
»Bruder Carlus,
Herr William befiehlt mir … «
»Ich habe gehört,
was Herr William befohlen hat«, unterbrach Carlus ihn. »Du solltest tun, was er
sagt.«
Das war nicht die
Antwort, auf die Godwyn gehofft hatte. Sein Zorn war ihm anzusehen. Mit
offensichtlichem Widerwillen stellte er das Reliquiar auf den breiten Rücken
von Graf Roland.
Matthew griff zu
einer kleinen Pinzette. Mit äußerster
Weitere Kostenlose Bücher