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Die Tore der Welt

Titel: Die Tore der Welt Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ken Follett
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Vorsicht hob er ein Knochenstück an, ohne
die graue Masse darunter zu berühren. Caris schaute fasziniert zu. Der Knochen
löste sich mit Haut und Haaren vom Kopf. Vorsichtig legte Matthew ihn in die
Schüssel mit warmem Wein.
    Gleiches tat er mit
zwei ebenso kleinen Knochensplittern. Der Lärm aus dem Hauptschiff — das
Stöhnen der Verletzten und das Schluchzen der Trauernden — verblasste im
Hintergrund. Alle, die Matthew beobachteten, schwiegen und bildeten einen Kreis
um ihn und den bewusstlosen Grafen.
    Als Nächstes machte
Matthew sich an den Splittern zu schaffen, die noch am Rest des Schädels
hingen. Bei jedem schnitt er zunächst das Haar weg, wusch die Stelle sorgfältig
mit einem in Wein getauchten Leinentuch und drückte den Splitter mit der
Pinzette dann vorsichtig in die ursprüngliche Lage zurück.
    Caris konnte kaum
atmen, so groß war ihre Anspannung. Sie hatte noch nie jemanden so sehr
bewundert wie Matthew Barber in diesem Augenblick. Er hatte so viel Mut, so
viel Geschick, so viel Selbstvertrauen. Und er nahm gerade einen schier
unglaublich komplizierten Eingriff an einem Grafen vor! Wenn er ihm misslang,
würde man ihn vermutlich hängen. Doch seine Hände waren so ruhig wie die der
Engel, die in den Stein über dem Gewändeportal gemeißelt waren.
    Schließlich
platzierte Matthew die herausgebrochenen Knochenstücke neu, die er in die
Weinschüssel gelegt hatte, und fügte sie zusammen wie die Scherben eines
zerbrochenen Krugs.
    Zu guter Letzt zog
er die Kopfhaut über die Wunde und nähte sie zu.
    Nun war Graf
Rolands Schädel wieder vollständig.
    »Der Graf muss
einen Tag und eine Nacht lang schlafen«, sagte Matthew. »Wenn er aufwacht, gebt
ihm einen kräftigen Schluck von Mattie Wises Schlaftrunk. Anschließend muss er
vierzig Tage und vierzig Nächte ruhen. Falls nötig, fesselt ihn ans Bett.«
    Dann bat er Mutter
Cecilia, dem Grafen den Kopf zu verbinden.
     
    Godwyn verließ die
Kathedrale und lief zum Flussufer, von hilfloser Wut erfüllt. Es gab keine
verlässliche Autorität mehr: Carlus erlaubte jedem zu tun, was er wollte. Der
vermisste Prior Anthony war schwach, aber immer noch besser als Carlus. Er
musste gefunden werden.
    Inzwischen waren
die meisten Leute aus dem Wasser gefischt worden. Die Glücklichen, die nur ein
paar Schrammen davongetragen hatten, hatten sich auf den Heimweg gemacht. Die
meisten Toten und Verletzten hatte man in die Kathedrale gebracht. Wer noch
hier lag, war von Trümmerteilen eingeklemmt.
    Der Gedanke, dass
Anthony tot sein könnte, stimmte Godwyn aufgeregt und ängstlich zugleich. Er
sehnte sich nach einer neuen Führung der Priorei. Er wollte Benedikts Regeln
strenger befolgt und die Finanzen besser verwaltet sehen. Andererseits war
Anthony stets sein Mentor gewesen, und unter einem neuen Prior würde er vielleicht
nicht mehr aufsteigen.
    Merthin hatte ein
Boot requiriert. Er und zwei junge Männer waren draußen auf dem Fluss, wo nun
der größte Teil der Brücke im Wasser trieb. Die drei trugen nur ihre Unterhosen
und versuchten, einen schweren Balken zu heben, um jemanden darunter zu befreien.
Merthin war klein von Statur, doch die anderen beiden sahen stark und gut
genährt aus, und Godwyn vermutete, dass es sich um Junker aus dem Gefolge des
Grafen handelte. Doch trotz ihrer offensichtlichen Kraft fiel es ihnen schwer,
aus dem schwankenden Boot einen Hebel an dem schweren Balken anzusetzen.
    Godwyn stand bei
einer Gruppe von Stadtbewohnern, die zwischen Furcht und Hoffnung hin- und
hergerissen waren, während die beiden Knappen die Last nun hochstemmten und
Merthin einen Leib darunter hervorzog. Nach kurzer Untersuchung rief er zum
Ufer hinüber: »Marguerite Jones — tot!«
    Marguerite war eine
ältere Frau ohne jede Bedeutung. Ungeduldig rief Godwyn zu Merthin hinaus:
»Kannst du Prior Anthony sehen?«
    Die Männer im Boot
schauten einander kurz an, und Godwyn erkannte, dass er zu voreilig gewesen
war. Doch Merthin rief zurück: »Ich kann ein Mönchsgewand erkennen!«
    »Dann ist das der
Prior!«, rief Godwyn. Anthony war der einzige Mönch, der vermisst wurde.
»Kannst du auch sehen, wie es ihm geht?«
    Merthin beugte sich
über die Bootskante. Offensichtlich konnte er von seinem Standort aus nicht
näher heran, und so ließ er sich ins Wasser gleiten. Schließlich rief er: »Er
atmet noch!«
    Godwyn war erfreut
und enttäuscht zugleich. »Dann holt ihn rasch raus!«, rief er.

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