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Die Tore der Welt

Titel: Die Tore der Welt Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ken Follett
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hielten sich an den Händen und betrauerten den Tod
ihres Bruders Anthony. Edmunds Augen waren feucht von Tränen, und die
untröstliche Petronilla schluchzte ihren Kummer laut hinaus. Caris küsste sie
beide, wusste aber nicht, was sie sagen sollte. Hätte sie sich hingesetzt, wäre
sie auf dem Stuhl eingeschlafen, und so stieg sie die Treppe hinauf. Sie legte
sich ins Bett neben Gwenda, die wie jedes Mal bei ihr wohnte und bereits tief
und fest schlief, da auch sie zu Tode erschöpft gewesen war.
    Caris schloss die
Augen. Ihr Körper war müde, und ihr Herz schmerzte vor Kummer.
    Ihr Vater
betrauerte einen Menschen unter vielen, doch Caris fühlte das Gewicht
sämtlicher Opfer der Katastrophe auf sich lasten.
    Sie dachte an ihre
Freunde, Nachbarn und Bekannten, die nun tot auf dem kalten Steinboden der
Kathedrale lagen, und sie stellte sich die Trauer der zahllosen Eltern, Kinder
und Geschwister vor.
    Das schiere Ausmaß
des Leids drohte sie zu überwältigen, und sie schluchzte in ihr Kissen. Wortlos
legte Gwenda den Arm um sie und zog sie an sich. Bald darauf wurde Caris von
Erschöpfung übermannt und schlief ein.
    Bei Sonnenaufgang
war sie wieder auf den Beinen. Sie ließ Gwenda weiterschlafen, kehrte in die
Kathedrale zurück und machte sich wieder an die Arbeit. Die meisten Verletzten
waren bereits nach Hause entlassen worden. Andere, die noch gepflegt werden mussten
— wie der noch immer bewusstlose Graf Roland —, wurden ins Hospital verlegt.
Die Leichen wiederum legte man in ordentlichen Reihen in den Chorraum der
Kathedrale, wo sie auf ihre Beisetzung warteten.
    Die Zeit verflog;
Caris blieben stets nur ein paar Atemzüge, um sich auszuruhen. Am späten
Sonntagnachmittag schließlich sagte Mutter Cecilia, sie solle eine Pause
einlegen. Caris schaute sich um und sah, dass die meiste Arbeit getan war.
    Und dann dachte sie
zum ersten Mal seit der Katastrophe wieder an die Zukunft.
    Bis zu diesem
Zeitpunkt hatten ihre Augen so viele Bilder des Grauens geschaut, dass es ihr
erschienen war, als wäre das gewohnte Leben für immer vorüber und sie müsse nun
in einer neuen Welt des Schreckens und der Tragödie leben. Jetzt aber wurde ihr
bewusst, dass das Grauen vorübergehen würde wie alles andere auch: Man würde
die Toten beerdigen, die Verwundeten würden sich erholen, und irgendwie würde
die Stadt in den Alltag zurückfinden.
    Nun fiel Caris auch
wieder ein, dass sich kurz vor dem Einsturz der Brücke eine andere Art von
Tragödie ereignet hatte, die auf ihre Weise nicht weniger grausam und
vernichtend war.
    Caris entdeckte
Merthin unten am Fluss; gemeinsam mit Elfric und Thomas Langley organisierte er
die Aufräumarbeiten, für die sich gut fünfzig Freiwillige gefunden hatten.
Merthins Streit mit Elfric war angesichts der Katastrophe in den Hintergrund
getreten.
    Die meisten Bretter
und Balken waren bereits aus dem Fluss gezogen worden, doch eine ungeheure
Masse ineinander verkeilter Trümmerteile trieb noch immer mit der behäbigen
Ruhe einer riesigen Bestie auf dem Wasser, die getötet und sich müde und satt
gefressen hatte.
    Die Männer
versuchten, die Trümmer in Stücke zu zerlegen, die man tragen oder sonstwie
bewegen konnte — eine gefährliche Arbeit, liefen die Helfer doch ständig
Gefahr, dass weitere Teile der Brücke einstürzten und die Freiwilligen
verletzten oder gar erschlugen. Die Männer hatten ein Seil um den Mittelteil der
Brücke geschlungen, der sich nun teilweise unter Wasser befand, und eine Gruppe
von Helfern stand am Ufer und zog daran. In einem Boot mitten im Fluss befanden
sich Merthin und der hünenhafte Mark Webber zusammen mit einem Ruderer. Wenn
die Männer am Ufer sich ausruhten, wurde das Boot nahe an die Trümmer gelenkt,
und Mark zerschmetterte unter Merthins Anleitung die ineinander verkeilten
Balken und Bretter mit einer großen Holzfälleraxt. Dann wurde das Boot wieder
in sichere Entfernung gerudert, Elfric gab einen Befehl, und die Männer zogen
erneut am Seil.
    Während Caris
zuschaute, löste sich ein Teil der Brücke krachend und knirschend aus der fest
gefügten Trümmermasse. Alle jubelten, und die Männer zogen das ineinander
verkeilte Holz an Land.
    Die Frauen einiger
Freiwilliger brachten Brot und Bier, und Thomas Langley ordnete eine Pause an.
Während die Männer sich ausruhten, nahm Caris Merthin beiseite. »Du kannst
Griselda nicht heiraten«, sagte sie rundheraus.
    Diese plötzliche

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