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Die Tore der Welt

Titel: Die Tore der Welt Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ken Follett
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konnten Kingsbridge mit Wolle und anderen Waren vom
Wollmarkt an Bord wieder in Richtung Melcombe verlassen, von wo aus sie nach
Flandern oder Italien weiterverschifft wurden.
    Als Caris und
Edmund zum Fluss hinuntergingen, um die Fortschritte zu begutachten, zimmerte
Merthin gerade ein Floß, um Leute über den Fluss zu setzen. »Das ist besser als
ein Boot«, erklärte er. »Vieh kann einfach rauf- und wieder runtergehen, und
auch Wagen können drauffahren.«
    Edmund nickte
düster. »Für den Wochenmarkt wird das reichen müssen. Zum Glück haben wir zum
nächsten Wollmarkt eine neue Brücke.«
    »Das glaube ich
nicht«, sagte Merthin.
    »Aber du hast mir
doch gesagt, es würde nur ein Jahr dauern, eine neue Brücke zu bauen!«
    »Eine Holzbrücke,
ja. Aber wenn wir wieder eine Holzbrücke bauen, wird auch die einstürzen.«
    »Warum?«
    »Ich will es Euch
zeigen.« Merthin führte Edmund und Caris zu dem Trümmerhaufen. Er deutete auf
ein paar mächtige Balken.
    »Daraus waren die
Pfeiler gebaut. Das waren die vierundzwanzig besten Eichen im Land, die der
König damals der Priorei geschenkt hat. Achtet auf die Enden.«
    Caris sah, dass die
riesigen Balken ursprünglich angespitzt gewesen waren, auch wenn die Konturen
durch die vielen Jahre unter Wasser abgeschliffen waren.
    Merthin sagte:
»Eine Holzbrücke hat kein Fundament. Die Pfeiler werden bloß ins Flussbett
gerammt. Das reicht nicht.«
    »Aber diese Brücke
hat Jahrhunderte gestanden!«, sagte Edmund. Wie immer, wenn er diskutierte,
klang er streitsüchtig.
    Merthin war Edmunds
Art gewöhnt, sodass er dessen Tonfall auch diesmal keine Beachtung schenkte.
»Und nun ist die Brücke eingestürzt«, erwiderte er geduldig. »Irgendetwas hat
sich verändert. Die Holzpfeiler waren einmal stark genug, aber jetzt waren sie
es nicht mehr.«
    »Aber was kann sich
verändert haben? Fluss ist Fluss!« »Nicht mehr! Ihr zum Beispiel habt ein
Lagerhaus und eine Anlegestelle am Fluss gebaut und Euer Eigentum mit einer
Mauer geschützt. Mehrere andere Kaufleute haben es Euch gleichgetan. Der alte
Schlammstrand am Südufer, auf dem ich früher gespielt habe, ist größtenteils
verschwunden. Deshalb kann der Fluss sich nicht mehr bis auf die Felder
ausdehnen. Und das wiederum hat zur Folge, dass das Wasser schneller fließt als
früher — besonders nach so heftigen Regenfällen wie dieses Jahr.« »Dann muss es
also eine Steinbrücke sein, ja?« »Ja.«
    Edmund hob den
Blick und sah, dass Elfric ihnen zuhörte. »Merthin sagt, der Bau einer
Steinbrücke würde drei Jahre dauern.« Elfric nickte. »Drei Bauzeiten.«
    Die meisten Gebäude
wurden in den wärmeren Monaten errichtet, wie Caris wusste. Merthin hatte ihr
einmal erklärt, dass man keine Wände mauern konnte, wenn die Gefahr bestand,
dass der Mörtel fror, ehe er hart geworden war.
    Elfric fuhr fort:
»Eine Saison für die Fundamente, eine für die Bögen und eine für die
Straßenbettung. Nach jedem Schritt muss man den Mörtel drei, vier Monate aushärten
lassen, ehe man mit dem nächsten Bauabschnitt beginnen kann.«
    »Drei Jahre ohne
Brücke …«, sinnierte Edmund düster.
    »Vier Jahre. Es sei
denn, wir fangen sofort an.« »Ihr solltet lieber eine Kostenschätzung für die
Priorei vorbereiten.« »Damit habe ich bereits begonnen, aber es ist eine
langwierige Arbeit. Das wird noch zwei, drei Tage dauern.« »Macht, so schnell
Ihr könnt.« Edmund und Caris verließen das Ufer und gingen zur Hauptstraße
hinauf, Edmund mit seinem energischen Humpeln. Trotz seines verkümmerten Beins
würde er sich nie auf jemandes Arm stützen; das untersagte ihm sein Stolz. Um
das Gleichgewicht zu wahren, schwang er mit den Armen, als würde er rennen. Die
anderen Bürger wussten, dass sie ihm viel Platz lassen mussten, besonders wenn
er es eilig hatte. »Drei Jahre!«, sagte er beim Gehen. »Das wird eine
Katastrophe für den Wollmarkt. Ich weiß nicht, wie lange wir brauchen werden,
bis wieder alles seinen normalen Gang geht. Drei Jahre!«
    Zu Hause
angekommen, trafen sie Caris‘ Schwester Alice an. Sie hatte das Haar auf
modische Art hochgebunden und unter den Hut gesteckt — ein neuer Stil, den sie
sich von Lady Philippa abgeschaut hatte. Sie saß mit Tante Petronilla am Tisch.
Der Gesichtsausdruck der beiden Frauen verriet Caris sofort, dass man über sie
gesprochen hatte.
    Petronilla ging in
die Küche und kam mit Bier, Brot und Butter zurück. Sie schenkte

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