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Die Tortenbäckerin

Die Tortenbäckerin

Titel: Die Tortenbäckerin Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Brigitte Janson
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Schauder lief Greta über den Rücken. »Stimmt«, murmelte sie.
    Eine Woche zuvor hatten sich Greta, Gerlinde und Mathilde an die Arbeit gemacht. Es war an einem Sonntag gewesen, und Mathilde hatte ausnahmsweise den ganzen Tag frei. Zur Verstärkung hatte Siggo seinen Kutscher Carl und einen halbwüchsigen Stallburschen geschickt. Er selbst war sogar am Tag des Herrn nicht abkömmlich. Ein Südamerikafrachter war am Abend eingelaufen und wurde nun gelöscht. Siggo beaufsichtigte die Verteilung mehrerer Klafter Tropenhölzer auf drei seiner Pritschenwagen und dirigierte die Fuhre dann zur Baustelle des neuen Hamburger Rathauses. Das riesige, über hundert Meter lange Gebäude stand kurz vor seiner Fertigstellung. Die edlen Hölzer wurden für den Innenausbau benötigt, und Schreiner wie Zimmerleute warteten bereits auf die Lieferung, um mit den kunstvollen Wandvertäfelungen beginnen zu können.
    Selbstverständlich hatte Greta Verständnis dafür gehabt, aber als sie dann am Morgen den »Dreimaster«betrat, wünschte sie sich doch, Siggo wäre an ihrer Seite. Der Gestank erschien ihr noch schlimmer als bei der Besichtigung, die Abfallhaufen schienen wie durch Hexerei noch gewachsen zu sein.
    Â»Unsinn«, sagte Mathilde, als Greta diesen Gedanken geäußert hatte. »Hier ist gar nichts gewachsen, außer vielleicht deine Furcht vor der eigenen Courage. Also los, ihr Leute, ans Werk.«
    Sie hatte sich das erstbeste Stück gegriffen, einen Stuhl mit nur noch drei Beinen, und ihn nach draußen zu dem Pritschenwagen getragen. Die anderen taten es ihr nach, und bald war Carl mit der ersten Ladung Abfall zum Müllplatz unterwegs.
    Greta hatte ihren ersten Moment der Mutlosigkeit rasch überwunden, aber je tiefer sie in die Kneipe vordrangen, desto ekliger wurden ihre Funde. Gerlinde stieß auf drei tote Ratten, die unter einer umgekippten Waschschüssel verreckt waren, Mathilde geriet in ein riesiges, festgewebtes Spinnennetz und brauchte eine Weile, bis sie sich befreit hatte. Greta schließlich trat in der Küche auf Dutzende aufgeschreckter Kakerlaken und musste sich zwingen, bei dem knackenden Geräusch nicht laut aufzuschreien.
    Es dauerte zwei Tage, bis der schlimmste Dreck beseitigt war, dann machten sich Greta und ihre Helfer an die Bekämpfung des Ungeziefers. Erst danach konnte mit der eigentlichen Reinigung begonnen werden. Tapeten wurden abgerissen, die Wände geschrubbt. Die wenigen Einrichtungsgegenstände in der Küche, die noch benutzbar waren, wurden ebenfalls einer Grundreinigung unterzogen. Immerhin gab es einen großen Gasherd, der offenbar erst ganz zum Schluss für den »Dreimaster« angeschafftworden war. Und auch der Eisschrank war neueren Datums. Die Wasserleitung funktionierte, zwei der Küchenschränke erklärte Greta ebenfalls für brauchbar. Diese Entdeckungen ließen ein wenig Hoffnung aufkommen.
    Die Fußböden schließlich blieben bis zuletzt schmutzig. Vorgestern früh hatten sich Greta und Gerlinde an die Arbeit gemacht, aber sie hatten den ganzen Tag allein für den Küchenfußboden benötigt. Vermutlich würden sie auch heute nicht fertig werden. Greta ließ ihren Blick über die verschwindend kleine Fläche schweifen, die sie an diesem Vormittag schon gesäubert hatten, und stöhnte erneut. »Damit haben wir noch mindestens zwei Tage lang zu tun«, sagte sie.
    Gerlinde nickte, sprach aber nicht. Reden und Schrubben gleichzeitig war ihr offensichtlich zu anstrengend.
    In der folgenden Stunde arbeiteten die beiden Frauen schweigend, einzig das schabende Geräusch der Bürsten auf dem Holzfußboden unterbrach die Stille. Endlich verkündete Gerlinde, es sei Zeit für eine Mittagspause. Wie auf Kommando erschien wenige Minuten später Siggo in der Tür. Er war mit dem Einspänner gekommen und hatte Max draußen angebunden. In den Händen hielt er ein gutgeschnürtes Päckchen, unter seinem Arm klemmte eine Flasche Wein.
    Â»Nun«, sagte Gerlinde fröhlich. »Ihr beide könnt hier ein Picknick veranstalten, aber ich unternehme lieber einen Spaziergang. Nach dem ganzen Dreck hier brauche ich frische, saubere Luft.«
    Greta sah zu den Rauchschwaden, die vom Altonaer Bahnhof herüberzogen, und sie ahnte schon, dies war einabgekartetes Spiel. Der Inhalt des Päckchens bestätigte ihre Vermutung. Kaltes Hühnchen,

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